Christliche Werte vermitteln
Aus LZA - Materialhilfen
Die Welt verändert sich in einem immer schnelleren Tempo. Die Veränderungen sind so tiefgreifend wie kaum zuvor in einer früheren Epoche. Gerade in Zeiten des schnellen Wandels ist es wichtig, eine Grundorientierung, einen sittlich-moralischen Kompass für Entscheidungen zu haben. Als Christen beziehen wir unsere Werte aus der Offenbarung Gottes und seinem Wort.
Das Thema Werte beschäftigt zunehmend Politiker, Wissenschaftler und Pädagogen. Namhafte Wochenmagazine und Tageszeitungen haben das Thema aufgegriffen. Während die einen vom Werteverfall sprechen, sehen andere lediglich einen Wertewandel.
Das Werteverständnis in der postmodernen Gesellschaft
Das Denken unserer Zeit ist wesentlich durch drei Erscheinungen geprägt, die in besonderer Weise die Wertefrage betreffen:
- Säkularismus
- Pluralismus
- Individualismus.
Während der Säkularismus die Wertefrage vom christlichen Glauben losgelöst hat und Werte areligiös versteht, verzichtet der Pluralismus prinzipiell auf die Wahrheitsfrage und lässt einander ausschließende Aussagen gleichberechtigt nebeneinander stehen. Der Individualismus wiederum überlässt es dem einzelnen, welche Werte er für sich als verbindlich erachten möchte.
Damit hat ein entscheidender Wandel im Denken stattgefunden. Bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts war das gesellschaftliche Leben in unseren Ländern vom christlichen Werteverständnis bestimmt. So hat z.B. Konrad Adenauer seinen Minister Schmückle, als dieser sich scheiden lies, zum Gespräch gebeten und ihn vor die Alternative gestellt: „Entweder Sie heiraten wieder ihre Frau oder ich entlasse sie als Minister“. Schmückle hat seine Frau wieder geheiratet und blieb Minister. So etwas wäre heute undenkbar.
Damit sind wir an einen wichtigen Punkt im Werteverständnis angekommen: Wer bestimmt, welche Werte verbindlich und normativ sind und welche nicht? Die Antwort in unserer gegenwärtigen Gesellschaft lautet: die Gesellschaft selbst. Oder sagen wir es noch deutlicher: der einzelne Mensch. In der postmodernen Gesellschaft geht man davon aus, dass es keine ewigen, unveränderlichen Werte gibt. Werte sind relativ. Werte sind nur insofern und solange gültig wie es Menschen gibt, die diese Werte anerkennen und nach ihnen leben.
Untersuchungen zeigen, dass es seit den 60er Jahren eine Verschiebung von den sogenannten „Pflicht- und Akzeptanzwerten“ (wie Treue, Fleiß, Pünktlichkeit, Höflichkeit, Anpassungsbereitschaft, Disziplin, Ordnung, Leistung, Opfer etc.) zu den „Selbstentfaltungswerten“ (Selbstverwirklichung, Emanzipation, Gleichberechtigung, Autonomie etc.) gegeben hat. Diese Verschiebung hat natürlich Auswirkungen auf das Zusammenleben in Familie und Gesellschaft. Von christlicher Seite wird diese Verschiebung als Wertezerfall beklagt.
In den letzten Jahren gab es aber wieder eine Veränderung. Werte wie Treue, Leistung, Fleiß, Disziplin u.a. (die sogenannten Pflichtwerte) sind neu gefragt und stehen durchaus wieder hoch im Kurs, wohingegen die Selbstentfaltungswerte hinterfragt werden. In diesem Auf und Ab stellt sich die Frage: Gibt es eine Werteordnung oder gar eine Wertehierarchie und wie sieht diese aus? Welche Werte sind für das menschliche Zusammenleben unverzichtbar? Solche und ähnliche Fragen werden immer öfters gestellt. Eigentlich sind sich die Politiker und auch die meisten Wissenschaftler darin einig, dass der Mensch Werte braucht, an denen er sich orientieren kann. Ein in der Gesellschaft verankertes und akzeptiertes Wertesystem regelt die Alltagssituationen und gibt dem Menschen einen Orientierungsrahmen und damit Freiheit.
Grundwerte, auf die nicht verzichtet werden kann
Wir können auch von Basiswerten oder Leitnormen sprechen. Was sind Grundwerte? Grundwerte regeln das personale und soziale Leben und dienen zur Orientierung in Gesellschaft, Politik und Wissenschaft.
Das menschliche Leben kommt nicht ohne Grundwerte und Normen aus. Solche Grundwerte oder Grundnormen sind aus christlicher Sicht die 10 Gebote. Sie regeln das Verhalten des Menschen Gott gegenüber und gegenüber den Mitmenschen. Sie sind unverrückbare, unverzichtbare Lebenshilfen. Die Gebote Gottes sind Lebensgebote, die uns Menschen Orientierung und Wegweisung geben. Eine Missachtung hat negative Folgen für das Zusammenleben der Menschen (vgl. 5. Mose 11,26-28). Das Befolgen der Gebote Gottes bringt Licht und Leben, das Missachten Dunkelheit und Tod (5. Mose 28,29).
Wie steht es aber mit der Anerkennung der Gebote Gottes in unserer Gesellschaft? Wir haben gesehen, dass die postmoderne Gesellschaft Werte, die normative Gütigkeit haben, ablehnt. Trotzdem wird allgemein anerkannt, dass es Grundwerte (Leitnormen) geben muss, auf die man nicht verzichten kann und die von allen Menschen, welche Weltanschauung und welche Religion sie auch vertreten, anerkannt werden müssen. Genannt werden: Würde und Freiheit des Menschen, Gleichberechtigung, Rücksichtnahme, Fairness, soziales Verhalten, Hilfsbereitschaft, Solidarität, Mitmenschlichkeit, Lebensqualität, Gemeinwohl, Kooperations- und Kommunikationsbereitschaft, Kompromissfähigkeit, Friedensbereitschaft, Vorurteilsfreiheit, Sachlichkeit, Wahrhaftigkeit, Zuverlässigkeit, Mut, Selbstdisziplin, Verantwortlichkeit, Offenheit für Sinnfragen, u.a.m.
Wenn wir die 10 Gebote mit den genannten Werten vergleichen, stellen wir fest, dass alle in den 10 Geboten enthalten sind.
Wir wollen sie stichwortartig ansprechen.
Das erste und zweite Gebot: Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.
In diesem Gebot wird die Stellung des Menschen vor Gott angesprochen, seine Würde und Personalität. Vor Gott sind alle Menschen gleich und in der Bindung an Gott besteht seine Freiheit (Joh 8,36). Dieses Gebot bewahrt den Menschen vor Selbstvergötzung, Absolutsetzung der Vernunft und der Suche nach Wahrheit außerhalb von Gott.
Das dritte Gebot: Du sollst den Feiertag heiligen
Menschliches Leben definiert sich nicht von der Arbeit her. Es gibt noch höhere Werte als Arbeit. Der Mensch braucht auch Zeiten der Besinnung, Neuorientierung und Erholung. In der Feiertagsheiligung sind Lebensqualität, Gemeinwohl, Friedensbereitschaft, Verantwortlichkeit und Offenheit für Sinnfragen enthalten.
Das vierte Gebot: Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren
Damit werden der Generationenvertrag und der Zusammenhang von Persönlichkeit und Familienprägung angesprochen. Ein neugeborenes Kind braucht für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung einen Lebensraum in dem das gelebt wird, woraufhin es sich entwickeln soll: Rücksichtnahme, Fairness, soziales Verhalten, Mitmenschlichkeit, Kommunikationsbereitschaft, Friedensbereitschaft, Wahrhaftigkeit, Selbstdisziplin, Verantwortlichkeit, Glauben, Lebenssinn u.a.m.
Das fünfte Gebot: Du sollst nicht töten
Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe, Gemeinschaft, Achtung der Würde des Menschen und andere Werte sind Voraussetzung für ein Leben in Frieden und Freiheit. Unser Miteinander aber ist ständig bedroht von Streit, Krieg, Mord, Aggression, Bosheit etc. Der Wert des fünften Gebots wird uns täglich durch Nachrichten und Presseberichte über Krieg, Mord und Tötungsdelikten vor Augen geführt. Mit diesem Gebot wird auch das vorgeburtliche Leben geschützt. Bei Gott gibt es kein wertvolles und unwertes Leben.
Das sechste Gebot: Du sollst nicht die Ehe brechen
Auch wenn Ehebruch zum gesellschaftlichen Alltag geworden ist, weiß jeder, dass Ehebruch Ehen und Familien zerstört und unglücklich macht. In diesem Gebot geht es um Treue und Fairness, um Zufriedenheit und ein glückliches und harmonisches Ehe- und Familienleben. Eigentlich alles Werte nach denen sich jeder Mensch sehnt und die sich auch jeder Mensch wünscht.
Das siebte Gebot: Du sollst nicht stehlen
Wir Menschen leben in einer Solidargemeinschaft und sind aufeinander angewiesen. Aber es gibt keine Gütergemeinschaft. Große Unterschiede in Besitz, Lebensstil und Lebensstandard bestimmen das gesellschaftliche Leben. Dieses Gebot spricht nicht nur die Akzeptanz dieser Unterschiedlichkeit an, sondern auch, dass jeder mit dem Lebensstandard zufrieden sein soll, den er inne hat und sich nicht auf Kosten anderer bereichern darf. Ein Gebot, dass nicht nur das menschliche Zusammenleben regelt, sondern auch das gesamte Wirtschaftleben.
Das achte bis zehnte Gebot: Du sollst nichts Unwahres über deine Mitmenschen sagen. Du sollst nicht begehren, was deinem Mitmenschen gehört.
Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit, Verantwortlichkeit, Rücksichtnahme, Fairness und Gemeinwohl werden durch dieses Gebote angesprochen. Die vielen gerichtlichen Auseinandersetzungen zeigen uns, wie wichtig dieses Gebot für unser Miteinanderleben ist. Ob es sich dabei um Ehrlichkeit im Umgang mit dem Nachbarn oder Arbeitkollegen handelt oder um Erbschaftsangelegenheiten oder um neidisches Schielen auf den Besitz anderer, wir spüren deutlich: Bei Missachtung dieses Gebotes wird das Miteinanderleben zur Qual.
Werteinstellungen
Das menschliche Leben wird stark von Einstellungen geprägt und geleitet. Unsere Einstellung zu bestimmten Werten steuert unser Wahrnehmen, Fühlen, Denken und Handeln. Die Einstellung zum ungeborenen Leben ist entscheidend ob eine Frau einen Schwangerschaftsabbruch vornimmt oder nicht. Es gehört darum zur Erziehung des Menschen, wertvolle und gute Werteinstellungen zu fördern. Damit steht die Persönlichkeitserziehung und Charakterbildung an oberster Stelle im Erziehungsalltag und nicht die Wissensvermittlung.
Wenn wir festgestellt haben, dass wir in der gegenwärtigen Gesellschaft keine verbindliche Werteordnung kennen, dann ist eines der wichtigsten Erziehungsziele, Kinder (und Erwachsene) so zu erziehen, dass sie die Fähigkeit erlangen, gesellschaftliche Werte zu bewerten und die von Gott gegebenen Werte selber zu leben. Wenn z.B. Selbstverwirklichung in der gegenwärtigen Gesellschaft einen hohen Wert hat, dann muss eine im Geiste Christi vollzogene Erziehung ein Kind (oder Erwachsenen) befähigen, die positiven und negativen Seiten von Selbstverwirklichung zu erkennen. Dies ist aber wiederum nur dann möglich, wenn die betreffende Person eine gesunde Selbstwerteinstellung hat. Wie aber sieht ein Leben aus, das zu einer gesunden Werteinstellung führt?
Es kann nicht die Aufgabe der Erziehung in Familie und Gemeinde sein, den weltanschaulichen Pluralismus zu überwinden, vielmehr geht es darum, Kinder für das Leben unter pluralistischen Verhältnissen mit ihren Chancen und Gefahren auszurüsten. Solch eine Werteeinstellungs-Erziehung ist mehr als eine moralische Erziehung, die dem Kind (oder Erwachsenen) sagt, was es darf und nicht darf. Es geht viel mehr darum, das Kind (den Erwachsenen) zu befähigen, in einer pluralistischen Gesellschaft christliche Wertvorstellungen zu leben und auch gegenüber anderen Wertvorstellungen kompetent und sachlich zu vertreten, und zwar so zu vertreten, dass andere Menschen zur Überzeugung kommen, dass diese Werte auch für sie und unsere Gesellschaft die Besten sind.
Wertevermittlung
Wenn wir feststellten, dass wir Menschen Werte brauchen und Gott uns für unser Zusammenleben Werte gegeben hat, die wir nicht ohne Schaden übergehen oder vernachlässigen dürfen, dann stellt sich die Frage: Wie können wir Werte - die uns von außen gegeben werden - vermitteln, damit sie zu inneren Werten des einzelnen Menschen werden? Gerade aus christlicher Sicht ist dies eine der wichtigsten Fragen. Es geht um die konkrete Frage: Wie können Werte wie Achtung der Menschenwürde, Ehrlichkeit, Lebensrecht, Nächstenliebe, Feindesliebe, Treue, Verantwortungsbewusstsein, u.a.m. vermittelt werden?
Genügt es, wenn diese Werte gesetzlich verankert sind und lehrmäßig vermittelt werden? Sowohl eine gesetzliche Regelung wie auch eine lehrmäßige Vermittlung sind wichtige Faktoren in der Wertevermittlung. Die gesetzliche Regelung macht einen Wert zur allgemein gültigen Norm, die lehrmäßige Unterweisung stellt die Werte in den Lebenszusammenhang. Der Mensch begreift auf diese Weise, warum Werte notwenig und hilfreich sind. Aber damit ist die Wertevermittlung noch nicht beendet. Die eigentliche Vermittlung geschieht über den Lebensvollzug. Werte müssen zur gelebten Alltagshandlung werden, damit sich beim Kind oder auch beim erwachsenen Menschen Handlungsmuster bilden können, die normativen Charakter haben. Verantwortlich handeln wird erst der Mensch, der eine emotionale Beziehung zwischen den Werten und dem Leben hergestellt hat. Aus christlicher Sicht ist darum eine lebendige Gottesbeziehung und gelebter Glaube die notwendige Voraussetzung eines Lebens nach biblischen Wertmaßstäben. Umso inniger und vertrauensvoller diese Beziehung ist, desto verbindlicher werden die biblischen Werte.
Ich möchte das an der Erziehung der Kinder in der Familie verdeutlichen.
Eltern wollen, dass die Kinder zu einer starken Persönlichkeit heranwachsen, die selbständig, selbstbewusst, belastbar, entscheidungsfähig, leistungsbereit, mit hoher Selbstdisziplin, großem Fleiß und im sozialen Bereich kooperationsfähig, hilfsbereit und verantwortungsvoll sind. Es stellt sich nur die Frage, mit welchem Erziehungsstil und welchen Erziehungsmitteln diese Ziele erreicht werden können.
Vor dieser Frage steht auch eine christliche Erziehung. Es gibt gesellschaftliche Werteinstellungen, die den christlichen widersprechen (z.B. Zusammenleben vor der Ehe, Schwangerschaftsabbruch, Homosexualität u.a.m.) Aber es gibt auch gesellschaftliche Werte, die zwar von christlicher Seite nach dem dahinterstehenden Menschen- und Weltbild hinterfragt werden müssen, die aber nicht grundsätzlich abzulehnen sind wie: Mündigkeit, Freiheit, Selbständigkeit, Kooperationsfähigkeit, Kritikfähigkeit, Mitmenschlichkeit, Solidarität etc. Diese Werte können auf der Grundlage eines biblischen Welt- und Menschenbildes durchaus ein Erziehungsziel sein. Dazu kommen aber noch andere Werte, die uns von Gottes Wort vorgegeben sind, wie Glaube, Liebe zu Gott, Ehrfurcht vor Gott, Dankbarkeit, Opferbereitschaft, Freundlichkeit, Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Achtung der Person (Menschenwürde), Selbstdisziplin, Anerkennung von Autorität, Höflichkeit, Hilfsbereitschaft, Gehorsam, Verantwortung, Leistungsbereitschaft (Fleiß), u.a.m. (Vgl. 5. Mose 10,12f; Eph 6,1-4 u. a.)
Welche Werte wir auch vermitteln wollen, die entscheidende Frage lautet: Wie vermitteln wir die Werte? und: Werden die vermittelten Werte auch so angenommen wie sie vermittelt werden?
Kinder brauchen Werte. Eltern und Erzieher müssen sich darum fragen, nach welchen Wertvorstellungen sie leben, für welche Werte sie sich einsetzten, welche Werte sie verteidigen und welche Werte sie ablehnen. Sind diese Wertvorstellungen bei den Eltern nicht eindeutig, dann kann es schwerlich zu einer Wertevermittlung kommen, die die oben genannten Verhaltensdispositionen beim Kind hervorbringen.
Wir wollen einige wesentliche Merkmale der Wertevermittlung in der Erziehung beschreiben.
Wertevermittlung geschieht durch Vertrauen
Dieses Vertrauen erfährt das Kind über Liebe und Festigkeit der Eltern. Das Kind beantwortet diese Liebe mit Gegenliebe, innerlich aber durch Vertrauen. Über die Liebesbindung, die das Kind erfährt, erwächst das Grundvertrauen. Vertrauen wiederum ist die Voraussetzung, dass das Kind die von den Eltern vertretenen und gelebten Werte verinnerlicht und zu seinen eigenen macht. Auf diesem Weg bildet sich auch das Gewissen. „Darum hängt es in erster Linie von den Eltern ab, welche Wertüberzeugungen ein junger Mensch erwirbt. Dabei kommt es weniger auf belehrende Worte an als auf eine gute gemeinsame Lebensordnung, in der die Kleinen im Umgang mit den Großen an deren guten Beispiel von selbst lernen können, was sich gehört“, schreibt der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Brezinka. Für Eltern ist es darum wichtig, dass sie nicht nur Werte vertreten, sondern eine Familienkultur leben, die einen Raum des Vertrauens darstellt und eine Bindung an eine familienergänzende Glaubens- und Lebensgemeinschaft vermittelt.
Wertevermittlung geschieht durch das Leben und die Lebensgestaltung
Die ersten Wertvorstellungen vermitteln wir durch unser Leben: wie wir uns benehmen, miteinander umgehen, voneinander reden, über andere reden. Unser alltägliches Verhalten, auf das wir gewöhnlich nicht achten, hat die stärkste erzieherische Wirkung. Dessen sind sich die meisten Eltern auch bewusst, wenn 75 Prozent (nach der neuesten Umfrage „Familien-Analyse“ 2002) angeben, dass das Vorbild der Eltern für die Erziehung der Kinder entscheidend sei. Deshalb gilt es zu fragen, welche Wertvorstellungen leben wir im Alltag. Wie gehen die Eltern miteinander um, wie reagieren sie in Stresssituationen, wie verhalten sie sich in der Freizeit, wie reden sie über andere Menschen? „Es zeigt sich, dass Erziehung zu Werten ganz früh und mit ganz kleinen Dingen beginnt, dass sie aus wirklich alltäglichen, einfachen, scheinbar selbstverständlichen Verhaltensweisen besteht, die wir alle bestens kennen“, schreibt Wayne Dosick in seinem Buch „Kinder brauchen Wert“.
Jede Kleinigkeit ist dabei von Bedeutung, wie Aufmerksamkeit, Zuneigung, Liebkosungen, Zuhören, Wertschätzung, Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Nachdenklichkeit, Ablehnung, Zurückweisung, Geduld, Ungeduld, Eindeutigkeit, Zwiespältigkeit, Zeit haben, keine Zeit haben, frohe Atmosphäre, eiserne Kälte, Schimpfen, Klagen, Strafen u.v.a.m. All das hat Auswirkungen auf die Wertevermittlung. Kinder beobachten ihre Eltern.
Werte werden vermittelt durch das erzählen von Geschichten, besonders biblischer Geschichten
Wenn ein Kind in das Alter kommt, wo man ihm anfängt, Bilderbücher zu zeigen, Bildgeschichten vorzulesen, später dann Geschichten zu erzählen, dann ist das eine der schönsten Möglichkeiten dem Kind Werte zu vermitteln.
Das Kind übernimmt sozusagen „spielerisch“ Werte und Werthaltungen; es lernt, weshalb es wichtig ist, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und wie Gott sich das Zusammenleben der Menschen vorstellt.
Es gilt darum, sehr genau darauf zu achten, welche Bilderbücher und Geschichten vorgelesen und erzählt werden und was für Bücher die Kinder später selber lesen. Am Besten eignet sich dafür der Abend mit dem Tagesschluss (Abendandacht). Kinder lieben Rituale. Das Kind sollte Gelegenheit haben das Gehörte im Gespräch zu verarbeiten oder Tagesereignisse anzusprechen die es beschäftigen. Gespräche können nicht von Seiten der Eltern diktiert werden. Die Bedürfnisse des Kindes, sich mitzuteilen, sind sehr unterschiedlich. Manchmal sind sie sehr beredt, ein anderes mal sehr schweigsam. Auch der Persönlichkeitstyp des Kindes ist mitentscheidend. Kommt ein Gespräch zustande, dann kann man ganz natürlich über Werte sprechen.
Werte werden vermittelt durch „Lebensregeln“
In früherer Zeit wurden die „Lebensregeln“ von außen durch die Tradition vorgegeben. In einer pluralistisch-individualistischen Gesellschaft muss jede Familie selber solche verbindlichen Regeln (Traditionen) setzen. Das ist keine leichte Aufgabe, weil der Tageslauf oft wenig Spielraum dafür lässt. Die Gefahr, dass man sich von den Ereignissen, die auf einen zukommen, treiben lässt, ist groß. Ein geregelter Tagesablauf aber ist eine große Hilfe für das Familienleben. „Lebensregeln“ sollten allerdings Ausdruck der Lebensgesinnung sein, die von den Eltern gelebt wird. Wenn zur Lebensgesinnung zum Beispiel „Gott lieben und ehren“ gehört, dann muss das in vielen Situationen des Tages zum Ausdruck kommen, z.B. im Gebet, im Gespräch über andere Menschen, in der Beurteilung von schwierigen Lebenssituation etc. Nehmen wir ein zweites Beispiel. Wenn Eltern glauben, dass Jesus ihr Erlöser ist, dann zeigt sich das darin, dass sei vergebungsbereit sind, untereinander und den Kindern gegenüber, und auch um Vergebung bitten.
Dies gilt für alle Werte, die Eltern vertreten oder die sie möchten, dass ihre Kinder sie übernehmen. Eltern sollten sich darum Gedanken machen, welche Werte sie ihren Kindern vermitteln möchten, um sich dann zu fragen, durch welche „Lebensregel“ diese Werte abgedeckt wird.
Um es noch an einem Negativbeispiel zu verdeutlichen. Eltern klagen oft im Beratungsgespräch, dass ihr Kind unpünktlich sei. Es kommt nie pünktlich nach Hause oder zum Essen und würde sich auch an keine Absprache halten, alles Drohen und sogar Strafen würde nichts helfen. Wenn ich dann nach dem Tageslauf frage (meistes zur Überraschung der Eltern, denn was hat der Tagesablauf mit Pünktlichkeit zu tun), dann stellt sich sehr schnell heraus, dass es überhaupt keine fest Zeiten in der Familie gibt, weder beim Essen, noch sonst. Die unausgesprochene „Lebensregel“ lautet für das Kind darum: Ich brauche nicht pünktlich zu sein.
Werte werden vermittelt durch das Austragen von Konflikten
Das beginnt schon im Kindergarten, wenn das Kind, das an Gott glaubt von einem anderen Kind gesagt bekommt: „Du bist blöd, mein Papa sagt, es gibt keinen Gott“. Dieser Konflikt wird fortgesetzt in der Schule, wenn z.B. im Religionsunterricht oder in Biologie behauptet wird, dass der Mensch vom Affen abstammt.
Den Umgang mit Konflikten lernt das Kind zu Hause, im alltäglichen Miteinander. Dazu ist es aber notwendig, dass die Eltern klare Standpunkte haben, die sie auch argumentativ vertreten können, um so dem Kind zu helfen, einen eigenen Standpunkt zu gewinnen. Wenn die Kinder dann größer sind, werden sie auch Standpunkte vertreten oder auch Werteinstellungen nach Hause bringen, die entgegengesetzt zu denen der Eltern sind. Gerade jetzt ist es wichtig, dass Eltern dem Konflikt mit den Kindern nicht ausweichen oder Druck auf sie ausüben. Sätze wie: „Das musst Du glauben, weil es in der Bibel steht, sonst glaubst du nicht richtig“ oder „Was, das ist Deine Meinung, da muss man sich ja schämen. Und so was haben wir großgezogen?“ - Väter neigen dazu, zornig und aggressiv zu reagieren: „Das ist so, basta!“. Solche Aussagen sind wenig hilfreich. Eltern müssen lernen, ihre Gesinnung argumentativ zu vertreten. Es ist auch wichtig, gegensätzliche Standpunkte nebeneinander stehen zu lassen, ohne dass das Miteinander dadurch beeinträchtigt wird. „Kein Mensch kann zu eigenen Überzeugungen kommen, wenn er nie die Möglichkeit gehabt hat, die Überzeugungen anderer in Frage zu stellen“, betont der Psychologe und Therapeut Ulrich Giesekus. Dies geschieht in der Regel, wenn die Kinder in die Pubertät kommen. Mit der Pubertät beginnen die Kinder sich vom Lebensstil der Eltern abzusetzen und abzugrenzen. Damit geraten sie unvermeidbar in Konflikt mit den Eltern. In dieser Phase ist es besonders wichtig, dass Eltern eine klare, von Wärme und Liebe bestimmte, Lebensführung haben. Zu keiner anderen Zeit wie in dieser brauchen Kinder Halt und Orientierung. Gefragt ist Authentizität, Kommunikation, Korrektur- und Versöhnungsbereitschaft. Welche Eltern sollten das besser können, als Christen, da die Frucht des Geistes in ihnen wirksam ist (Gal 5,22).
Auseinandersetzungen und das Bemühen, Konflikte sachlich auszutragen, sind wertvolle Hilfen für das Finden eines eigenen Standpunktes und damit auch für das Vermitteln von Werten. Die Aufgabe der Eltern besteht darin, Maßstäbe für Wertentscheidungen und für eine angemessene Konfliktbewältigungsstrategie zu geben, ohne den jungen Menschen unter Druck zu setzen.
Werte werden vermitteln, indem sich Eltern Zeit für die Kinder nehmen.
Dies kann auf vielfache Weise geschehen: Beim Spielen, Wandern, Toben, Unternehmungen verschiedenster Art etc. Auf diese Weise wird eine positive Beziehung und Bindung zu den Eltern aufgebaut. So ganz nebenher werden Werte gelernt, vermittelt und aufgenommen, zum Beispiel beim Spielen, Regeln einhalten oder beim Wandern, trotz Müdigkeit und Durst durchzuhalten und ein Ziel zu erreichen u.v.a.m.
Zeit brauchen Eltern aber auch für das Gespräch mit dem Kind. Schon das Kleinkind kann endlos viele Fragen stellen. In der Beantwortung dieser Fragen werden dem Kind entscheidende Werte vermittelt, z.B. bei der Bewunderung der Natur, dass Gott der Schöpfer dieser wunderbaren Vielfalt ist.
Wenn die Kinder größer sind, verändern sich auch die Gespräche. Sie drehen sich dann um ihre Lebenswelt, wie Schule (z.B. den Lehrer, der sie ungerecht behandelt oder einen Mitschüler, der sie provoziert hat), Freunde (die in vielen Dingen eine ganz andere Meinung vertreten), Nachbarschaft (wenn ausländische Mitbürger eine andere Kultur und Religion leben) u.a.m.
Für all diese Fragen und die damit oft verbundenen Probleme sollten sich Eltern viel Zeit nehmen. Wenn sie einmal eine Frage nicht beantworten können, ist dies durchaus nicht schlimm. Im Gegenteil, das Kind lernt dabei, dass auch Eltern begrenztes Wissen haben und auf viel Fragen keine Antwort wissen.
Worte sind mächtig, sie können das Kind stärken oder erschüttern, Zweifel säen oder Vertrauen wecken. Eltern haben mit ihren Worten einen prägenden Einfluss auf die Art wie Kinder Werte vertreten und argumentativ damit umgehen können.
Werte werden vermittelt durch eine bewusste Glaubenserziehung
Unter bewusster Glaubenserziehung verstehe ich, dass die Eltern als Christen bewusst und konsequenteren leben und ihre Kinder in ihren Glaubensvollzug mit hineinnehmen und an ihrem Glauben teilnehmen lassen. Für das Kleinkind ist das die einzige Möglichkeit mit den christlichen Werten in Kontakt zu kommen. Dazu ist es nötig, dass die Eltern ihren Glauben transparent und für das Kind einsichtig gestalten.
Später, wenn die Kinder größer sind, wird das Glaubensgespräch und die biblische Belehrung eine wichtige Rolle spielen. Dabei gilt es darauf zu achten, dass der Glaube niemals als Druckmittel für irgendwelche Erziehungsmaßnahmen oder gar Erziehungsziele benutzt wird. Dadurch kann viel zerstört werden. Im Schulalter kommt ergänzend zur Familie die Kinderstunde und die Jungschar dazu, die einen wesentlichen Anteil an der Glaubensvermittlung haben und damit an der christlichen Wertevermittlung.
Werteverankerung
Ob ein Mensch an bestimmten Werten festhält oder sie wieder aufgibt, hat nicht in erster Linie mit dem Denken zu tun, sondern mit dem Gemüt. Die Bibel spricht vom Herzen. Werte, die ein Leben lang Bestand haben sollen, haben ihren Sitz im Herzen bzw. im Gemüt.
Das Gemüt ist ein Verbund von Denken, Fühlen, Erkennen, Interessen, Liebeskräften, Glauben, Vertrauen. Dies hat schon August Hermann Francke gewusst, darum hat er die Gemütserziehung als Voraussetzung für eine Glaubenserziehung gefordert.
Nur was im Herzen verankert ist, vollzieht sich auch in der alltäglichen Lebensgestaltung. Wertevermittlung ist also kein rein intellektueller Vorgang. Wertevermittlung hat etwas mit dem ganzen Leben zu tun. Werte, die wir vermitteln wollen, müssen gelebt und über das Leben gelehrt werden. Erst dann können sie intellektuell verarbeitet werden. Was an Gemütserziehung versäumt wird, kann durch keine intellektuelle Erziehung wiedergutgemacht werden.
Eine Gemütserziehung aber beinhaltet das ganze Leben: Freude und Leid, Spiel und Spaß, Verzicht und Überfluss, Arbeiten und Freizeit, Lachen und Weinen, Feste und Feiern, Konflikt und Auseinandersetzungen, Glauben und Zweifeln, Erfolg und Niederlage u.a.m.
Der richtige Umgang mit all diesen Dingen aus der Glaubenshaltung heraus und in der Orientierung an Gottes Wort lebendig gelebt, ist die beste Voraussetzung für eine gute Wertevermittlung.
Fassen wir zusammen:
Eine Wertevermittlung erfolgt über Gewohnheiten, Lebenseinstellungen und Denken. Gewohnheiten sind Rituale und Lebensregeln, die in einer frohen und liebevollen Atmosphäre eingeübt und gelebt werden. Lebenseinstellungen sind Werthaltungen zu Besitz, Geld, ethisch-moralischen Fragen, gesellschaftlichen Entwicklungen, Politik, Kultur, Kunst, Glauben, Mitarbeit in der Gemeinde etc. Mit dem Denken vertreten wir die Lebensphilosophie, also die dem menschlichen Leben übergeordneten, transzendenten Lebensfragen wie: Woher kommen die Werte, Normen und richtungsweisenden Lebensinhalt.
Fragen zum Gespräch:
- Welche Bedeutungen haben diese Ausführungen für unser Leben in der gegenwärtigen Gesellschaft?
- Wie können Eltern sich gegenseitig helfen, um in der Wertevermittlung erfolgreicher zu sein?
- Wenn die Werteverankerung ihren Sitz im Herzen (Gemüt) hat, was bedeutet das für die Gemeindearbeit?
- Wie müsste ein Gemeindeleben gestalten sein, damit christliche Werte über den gelebten Glauben aufgenommen werden?
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