Das Evangelium neu entdecken

Aus LZA - Materialhilfen

Inhaltsverzeichnis

Die Botschaft des Römerbriefs von Prof. Dr. Hans-Joachim Eckstein, Tübingen

Im folgenden geben wir Kerngedanken aus der ersten Einheit unseres Studientages zum Römerbrief wieder (26.3.2001), wie sie Prof. Dr. Hans-Joachim Eckstein entfaltet hat. Der ganze Tag hatte als Schwerpunkte die Einheiten: Christus für uns (Röm. 1-5) - Christus in uns (Röm. 6-8) - Wir mit Christus (Röm. 8 und 12-15)

Die Kraft des Evangeliums

Paulus fasst in Röm. 1,16f das zentrale Thema des Briefes zusammen. Das „Evangelium“ ist eine fünffach qualifizierte gute Nachricht: „Es ist

  1. eine Kraft
  2. von Gott
  3. zum Heil
  4. für jeden
  5. im Glauben.“

„Ich schäme mich des Evangeliums nicht.“ - Die Verneinung ist im Griechischen eine Form der Steigerung. Paulus sagt: „Ich bekenne es freimütig“. Das Evangelium ist so einzigartig, so einmalig und heilsentscheidend, dass Paulus bereit ist, sein Leben dafür zu lassen. Hier spricht ein zukünftiger Märtyrer. Für das „Nicht-Schämen“ tritt er mit seinem Leben ein. Paulus sagt: „Ich bekenne es deshalb gerne, weil Gottes Gerechtigkeit in ihm offenbar wird.“ An dieser Stelle entsteht eine große Spannung, die auch Luther erlebte: „Wie kann ich eine gute Nachricht, ein Evangelium, zusammendenken mit der Rede von der Gerechtigkeit Gottes?“ – Gerechtigkeit hat doch mit Gericht zu tun und die Rede vom Gericht ist doch etwas sehr Ernstes und keine Freudennachricht. Wie ist das zu verstehen? - Das Richten eines gerechten Richters bedeutet doch, dass er jedem das zuspricht, was er verdient.

Das heißt, wenn jemand unschuldig ist und zu unrecht angeklagt wurde, wenn jemand Leid widerfuhr und er vor den Richter tritt und sich als gerecht erweist, dann in der Tat kann der Richter für ihn eine gute Nachricht verkündigen. „Sie sind gerechtfertigt, als unschuldig erwiesen!“ - Wenn aber jemand nicht Recht getan hat, dann bedeutet Gerechtigkeit, dass ich Strafe und Abmahnung zu erwarten habe. Nur der unschuldig Angeklagte hat Grund, sich auf den Spruch des Richters zu freuen.

„Gerechtigkeit“ ist ein Beziehungsbegriff

Schon im AT bedeutet „Gerechtigkeit“ / „zedakah“ etwas anderes als eine abstrakte Eigenschaft, die jemand hat, etwas, was man abstrakt festmachen kann an einer Norm oder einem Gesetz. Gerechtigkeit ist schon im AT ein Beziehungsbegriff.

Wenn wir sagen: „Ich bin gerecht!“, dann assoziieren wir: „Ich bin gerecht meinen Normen gegenüber“ oder „ich bin gerecht dem geltenden Recht gegenüber.“ - „Ich habe eine weiße Weste, ich habe mir nichts vorzuwerfen.“ Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit machen wir an uns fest, vielleicht noch an unserem Gewissen oder am Gesetz. - Bei einem Hebräer war das anders. Wenn ein Psalmist sagt: „Ich bin gerecht“, dann könnte ein anderer Beter immer fragen: „In welcher Beziehung bist du gerecht?“

Wir haben im Deutschen auch Relations-, Beziehungsbegriffe, und zwar wenn jemand sagen würde: „Ich bin verliebt“. Dann würde der andere sofort zurückfragen: „In wen?“ - Wenn wir von Liebe reden, reden wir von Beziehung, d. h. der Lichtbogen, der da springt, braucht 2 Pole. So ist es im alttestamentlich-jüdischen Denken bei Gerechtigkeit: Die zedakah hat immer 2 Pole. Gerechtigkeit ist was, das geschieht zwischen zweien oder dann auch zwischen Volk und Gott, zwischen Volkszugehörigen untereinander.

Welche Norm gilt in der Beziehung zu Gott?

Hier geht es nicht nur um eine personale Beziehung, sondern um eine ganz enge, ganzheitliche Beziehung, wie sie in den sog. Zugehörigkeitsformeln im AT (z.B. 3. Mose 26,12) zum Ausdruck kommt. „Ich will unter ihnen wandeln und will euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein.“ – Ich gehöre ganz euch, ihr gehört ganz mir!

Dies ist eine ganzheitliche Beziehung, und in Hinsicht auf Gott in Israel auch eine exklusive Beziehung. Dies ist für die Antike alles andere als selbstverständlich. Die Antike verstand Religion so, wie wir das Versicherungswesen handhaben, als eine Absicherung für den Notfall. Dabei war Vielgötterei das Naheliegende.

Die Exklusivität, mit der Gott seinem Volk begegnet, ist in der Antike das Ungewöhnliche:

„Ich bin der einzige Gott, und ihr seid mein Volk!“ Er er, der eine, der sich Israel zuspricht, fordert dann auch exklusive Liebe: „ . . . von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit allen Kräften sollst du mich lieben.“ (5. Mose 6,4 f.); d. h. Gerechtigkeit im AT ist etwas sehr Persönliches, etwas sehr Umfassendes, etwas enorm Anspruchsvolles.

Gott von ganzem Herzen lieben

„Von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit aller Kraft!“ – Es mag sein, dass wir im Vorfeld sagen: „Für mich ist das kein Problem, so schlecht bin ich doch gar nicht. Und wenn ich hier mal versage und unwirsch war und dem Liebesgebot nicht nachkam, habe ich das nächste Mal doch ein bisschen mehr getan.“ Das Problem mit der Liebe ist nur: Man kann sie ja nicht kompensieren. Sie ist immer gefordert, immer das Normale. – Es nützt mir vor dem Gesetz nichts, wenn ich im Straßenverkehr angehalten werde und mir gesagt wird: „Sie sind bei Rot über die Ampel gefahren!“ zu antworten: „Dafür bin ich gestern bei grün stehen geblieben. Das gleicht es wieder aus.“

Keine Kompensation

In der Gerechtigkeit gibt es keine Kompensation, in der Liebe schon überhaupt nicht, aber auch dem normalen Recht gegenüber nicht. - „Du sollst mich von ganzem Herzen lieben“ bedeutet: „Dein ganzes Leben soll von morgens bis abends und in der Nacht von der Beziehung zu mir und meiner Beziehung zu dir bestimmt sein.“

Eine Ganzheitlichkeit und eine persönliche Zuspitzung des Verhältnisses wird hier als Gerechtigkeit bezeichnet. - In dem Maß, wie die Gottesbeziehung intensiviert wird, in dem Maß, wie die Gottesbeziehung mit Liebe bezeichnet wird, verstummt auch der Mund derer, die vorher noch dachten: So schlecht bin ich gar nicht. Denn es geht überhaupt nicht um gut und schlecht, sondern es geht hier darum, ob wir in Liebe leben oder ob wir uns der Liebe verweigern.

Sünde - Trennung von Gott!

Der Sündenbegriff ist bei uns moralisch eingefärbt. Schuld ist ganz stark an die Moral geknüpft. - Wir können heute nicht mehr über Schuld und Sünde reden, weil wir den falschen Sündenbegriff haben. Alttestamentlich, und noch viel deutlicher und durchgängig im NT ist Sünde nicht, das was schlecht ist, nicht das, was verboten ist. Wenn man Gerechtigkeit als ganzheitliche Beziehung versteht, dann ist Sünde von ihrem Wesen her Trennung.

Diese Trennung von Gott mag sich dann auch moralisch äußern, und sehr häufig wird sie das auch tun, wie Paulus es in Röm. 1,18ff beschreibt.

Die Unmoral und das Versagen im ethischen Bereich ist aber Folge, Symptom von Sünde, nicht die Sünde selbst. In der christlichen Arbeit unterliegen wir leider oft dem Trugschluss, dass wir durch die Verbesserung der Moral irgendwann auch mal die Wesentlichkeit des Lebens herbeibringen. Durch die Bekämpfung der Symptome ändern wir aber überhaupt nichts an der Krankheit. Indem ich einen Baum mit Früchten behänge, mache ich ihn nicht zum fruchtbaren Baum. So aber leben die allermeisten Christen, dass sie verhaltensorientiert versuchen, ihr Leben zu optimieren. Und sie scheitern am Bemühen, sich in eigener Kraft anders zu verhalten.

Heiligung – nicht Bekämpfung der Symptome

Das greift zu kurz. Heiligung bedeutet schon im AT „Hingabe“. Es gab im Tempel heilige Pfannen und Zangen. Wodurch waren diese heilig? Ausschließlich durch Bestimmung. Heilig ist etwas, was Gott ausschließlich zur Verfügung steht, ihm ganz geweiht ist, ihm geschenkt ist, offen ist für ihn. Das bedeutet Heiligkeit.

Heiligkeit ist insofern dann auch ein Wesenszug, weil es nämlich ein Wesen ist, das mir zugeeignet wird, in dem ich beansprucht werde von Gott. Wenn Gott zu mir sagt: Du gehörst mir, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, und du hast mich bekannt bei meinem Namen, bei deiner Taufe oder als du zum Glauben kamst. Dieser Mensch ist heilig nach alt- und neutestamentlichem Verständnis.

Aufrichtung von Beziehung - Zugehörigkeit

Wenn Sünde Trennung von Gott ist, dann muss Überwindung von Sünde die Überwindung von Trennung sein, Konstituierung, Aufrichtung von Beziehung, Stiftung von Beziehung.

Wenn das aber so ist, dass es schon im AT, an das Paulus anknüpft, bei der Gerechtigkeit Gottes weder um böse oder um gut geht im vordergründig menschlichen Sinne, sondern um Beziehung: Wie kann Paulus dann gerade ausgerechnet von „Gerechtigkeit Gottes“ reden?

Die Versuchung ist heute groß, dass wir sagen: Lassen wir doch die Rede von Sünde und Schuld. Lassen wir doch die Rede von Gott als Richter, nehmen wir doch lieber die Rede vom „lieben Gott“ oder von Gott als „Freund“ oder Gott als „Lehrer“ oder als „Geistesbegleiter“ oder „Geistesführer“.

Wir müssen uns verantworten

Paulus würde sagen: Gerne rede ich mit anderen Worten über die Inhalte, aber die Inhalte müssen gewahrt werden. Er geht davon aus, dass am Jüngsten Tag alle Menschen einmal vor Gott stehen. Dies ist eine Gerichtssituation; denn Gott zu sehen, wie er ist, bedeutet: Bevor ein Engel ein Buch aufschlägt oder Gott den Mund öffnet, überführt sein.

Vollkommene Liebe zu sehen und sich selber anzuschauen, bedeutet unwillkürlich: all das Versäumte wahrzunehmen und im Kontrast zu sehen. Gott zu begegnen, bedeutet automatisch, bevor wir überhaupt von einem Gericht reden, dem eigenen Richter zu begegnen; denn Wahrheit ist entlarvend. Licht deckt Finsternis auf! (vgl. Jes. 6; Paulus vor Damaskus)

Wende am Kreuz!

Paulus weiß darum, gleichwohl redet er immer noch von Evangelium. - Was setzt er voraus?

Er setzt voraus, dass Gott mit Jesus Christus seinen eigenen Sohn in diese Welt gesandt hat, die insgesamt nicht ihrer Bestimmung entsprechend lebte, nicht in der vollkommenen Liebe zu Gott. Paulus setzt voraus, dass dieser Sohn selbst in seiner Lebenshingabe und in seiner Auferstehung den Weg gegangen ist, auf dem er all die, die ihm gehören, mitnehmen will.

Das Kreuz Jesu Christi ist als ein Geschehen verstanden nicht nur an einem, der um der gerechten Sache gestorben ist, sondern das Kreuz Jesu Christi ist verstanden als unser Tod. Er starb nicht für sich, er starb für uns, und seine Auferstehung ist zugleich die Grundlage unserer Gottesbeziehung: Wir werden hineingenommen in dieses Geschehen.

Das bedeutet aber nun, dass am Jüngsten Tag sehr wohl Gott die Menschen anschauen wird, dass auch jeder Mensch nach seinem gelebten Leben an dieser vollkommenen Liebe gemessen wird und jeder Mensch – ob Christ oder Nichtchrist, ob Jude oder Heide – ein Ergebnis dieser Beurteilung zu erwarten hat.

Rechtfertigung

Das Ergebnis im Gericht wird sein, dass alle Menschen infolge ihres gelebten Lebens „als ihrer Bestimmung nicht entsprechend“ entlarvt werden. – Aber dennoch: aus Gnade, unverdient, mit Christi Gerechtigkeit beschenkt wird jeder, der glaubt, dann bei Gott angenommen. Auch Abraham und David (Röm. 4,1ff). Auch sie verstehen sich am Jüngsten Tag nicht von ihrem gelebten Leben her, sondern sie werden sich verstehen von Gott und seiner Gnade her.

Der Spitzensatz bei Paulus ist: Rechtfertigung bedeutet nicht, dass wir aufgrund unseres gelebten Lebens am Jüngsten Tage bestehen können, sondern dass wir bestehen können, obwohl wir nicht so gelebt haben, wie wir sollten.

Begnadigung des wirklich Schuldigen

Abraham und David wurden begnadigt. Und hier leuchtet das erste Mal der Begriff auf, der ganz entscheidend ist für das Rechtfertigungsverständnis bei Paulus: Rechtfertigung bedeutet Begnadigung! - Der Schuldige wird schuldig gesprochen, das Todesurteil ist – wenn man diese hohe Norm anlegt – gegeben, und zwar für jeden, inklusive Abraham und David.

Darin gibt es keinen Unterschied, dass wir alle Gott begegnen werden. Und alle Menschen werden aufgrund ihres gelebten Lebens nicht bestehen. Wenn wir uns an der vollkommenen Liebe und am vollkommenen Leben messen, dann kann doch kein Mensch abends sagen: „Ich habe alle Lebenschancen heute genutzt, und ich habe alle Gelegenheiten zur Liebe vollkommen gelebt.“

Jeder Christ wird aufgrund seines gelebten Lebens, steht er vor dem lebendigen Gott, sich selbst schuldig sprechen. Wenn Paulus in Röm. 8 sagt „Wer will uns verklagen?“, dann ist die Antwort nicht: „Ja, uns kann gar keiner verklagen, wir sind ja vollkommen, weil wir ja Christen sind“, sondern die Antwort ist: „Unser Trost ist der Gott, der uns gerecht spricht, nämlich der uns freispricht, aufgrund von Begnadigung, nicht aufgrund eigener Gerechtigkeit.“

Wenn Gott vollkommene Liebe will, dann kann kein Christ von sich sagen: „Ich kann aufgrund meines gelebten Lebens vor ihm bestehen.“

Geschenkte Gerechtigkeit

Gedacht ist also bei der Rechtfertigung an das, was wir aus einer Begnadigung des Königs oder des Präsidenten. Wenn Gott sagt: „Du bist gerecht“, dann ist das nicht eine feststellende Aussage, eine analytische Aussage: „Du bist gerecht“ in dem Sinne „Du hast vollkommen gelebt“ – danach wäre nur Jesus Christus der einzige, der am Jüngsten Tag vor Gott bestehen kann. Nur der Sohn hat Gottes Liebe vollkommen gelebt, so sagt es das Neue Testament. Nein. „Du bist gerecht“ ist eine Aussage, die erst schafft, was sie ausspricht.

Wenn ein König in eine Zelle eines zum Tode Verurteilten geht oder wenn ein Präsident einen politischen Gefangenen betrachtet und wenn König oder Präsident zu ihm sagen: „Du bist frei“, bedeutet das nicht, dass der Präsident nicht weiß, was vorgefallen ist. - Sondern „Du bist frei“ ist eine Feststellung, die trotz allem herstellt, was sie sagt. Wenn der Präsident oder der König zu einem Verklagten sagt: „Du bist gerecht, du bist frei“, dann sagt er nicht: „Ich sehe deine Sünden nicht“, sondern: „Ich begnadige dich und schenke dir die Freiheit, obwohl du nach deinem gelebten Leben – mit Grund – hinter den Gittern sitzen würdest.“

Gerechtigkeit Gottes ist – und dies ist bei Paulus durchgängig so – immer Gottes schenkende Gerechtigkeit, das was er uns zukommen lässt. Gerechtigkeit ist selber Heil.

Kraft von Gott

Das Evangelium hat zum Inhalt Gerechtigkeit, und deshalb ist es Kraft (dynamis). Das bedeutet: Es geht hier nicht um eine Eigenschaft, die wir haben, und es geht nicht um etwas, was der Mensch von sich aus hervorbringen muss. - Wir meinen immer: Die Gerechtigkeit, die uns am Jüngsten Tag vor Gott bestehen lässt, ist etwas, das wir erreichen müssen. Gerechtigkeit ist aber eine Kraft, wie ein Kraftfeld. - In diesem Kraftfeld müssen wir sein, um anders leben zu können.

Es ist eine Kraft von Gott: d. h. alles, was mit Gerechtigkeit zu tun hat, hat nur eine Wurzel: Gott selbst. Und hier ist ein Punkt, wo wir nicht nur als die, die distanziert zur Kirche stehen, sondern gerade als Fromme große Schwierigkeiten haben, weil wir die Gerechtigkeit Gottes immer wieder als Gottes Forderung verstehen, und nicht als das, was ausschließlich in Gott seine Quelle hat.

Gott will retten

Es ist eine Kraft zum Heil: Gottes Absicht mit uns ist ausschließlich Heil. Und dies muss man wissen, wenn man sich so öffnet. Wir würden uns doch nie einem Menschen so ausliefern – wie es das Doppelgebot der Liebe fordert, wären wir nicht sicher, dass wir bei ihm geborgen sind, dass er’s gut mit uns meint. Und auch hier wieder sind wir als Fromme, obwohl wir’s nicht zugeben, genauso distanziert wie viele, die öffentlich distanziert sind. Wir trauen Gott manches zu, aber nicht, dass er es ausschließlich gut mit uns meint.

Ich habe das so oft in der Seelsorge erlebt, dass sich ein positiver Weg abzeichnete – beruflich oder in einer Beziehung – und dann die gläubige Seele ganz verzweifelt war: „Das kann doch nicht richtig sein, es läuft alles so glatt, es geht mir so wahnsinnig gut, bin ich im Glauben nicht mehr richtig?“ Nicht, da zeigt sich’s, was das für ein Lebensbegriff ist und was das für ein Liebesbegriff ist in Hinsicht auf Gott. Gott meint es ausschließlich gut.

Heil bedeutet sowohl: Rettung aus der aktuellen Situation; Heil bedeutet auch: Heilung in Hinsicht auf all die Verletzungen, die ich aus der alten Zeit meiner Trennung mitschleppe, an Kränkungen, an falschen Spielen, die sich eingeschliffen haben in meinem Leben, an falschen Kommunikationsformen mit anderen und an unheilvollem Umgang mit mir selber, und es bedeutet Bewahrung.

Glaube als Bedingung

Und dieses Heil nun – betont Paulus – gilt jedem. Damals musste man sagen: Juden wie Heiden, denn das war damals der Streitpunkt. Heute muss man sagen, innerhalb unserer heidenchristlichen Kirche: Dieses Heil ist für jeden voraussetzungslos, ganz voraussetzungslos.

Gedankenstrich – und alle sagen: „Jetzt muss das Aber kommen!“, nämlich: Es ist zwar voraussetzungslos, weil wir in Gott, in Jesus Christus, geliebt sind, aber es ist nicht bedingungslos. Es gibt die Bedingung des Glaubens: Ein Mensch muss glauben, denn nur dann ist er auch in Jesus Christus am Jüngsten Tag gerechtfertigt.

Diese Antwort ist so richtig, wie sie falsch ist. Richtig ist: Es gibt außerhalb des Glaubens an Jesus Christus kein Heil. Das Heil wird ausschließlich im Glauben zugeeignet. - Aber falsch ist das Verständnis, dass der Glaube eine Voraussetzung ist, die der Mensch von sich aus erfüllen muss, damit er zur Belohnung die Rechtfertigung und das ewige Leben bekommt. Dann nämlich machen wir den Glauben wieder zu einer menschlichen Tat und Eigenschaft.

Wir haben aber gesagt, dass schon das Alte Testament „in Beziehung“ denkt. Glaube ist nicht das, was der Mensch alleine tut, sondern Glaube ist für Paulus und das gesamte Neue Testament die Beziehung selbst. Eine Beziehung macht man aber nicht, eine Beziehung hat man nicht, sondern eine Beziehung wird gelebt zwischen beiden Polen.

Ich schließe mit einem Bild, das uns ganz geläufig ist aus unserer evangelistischen Tätigkeit. Wir sagen sehr gerne, das Bild der Brücke aufnehmend, dass Gott uns in Jesus Christus über den Abgrund, der Trennung von Gott, der Sünde, 9 von 10 Schritten entgegengekommen ist. Oder diejenigen, die groß von der Gnade denken oder ganz groß, die sagen 999 Schritte ist Gott in Christus auf uns zugekommen, jetzt liegt es an uns, diesen einen Schritt zu tun.

Dieses Bild ist so richtig, wie es viele wiederum in die Verzweiflung treibt. - Richtig ist, dass wir Schritte mit Gott tun sollen – ohne Schritte gibt es keine Bewegung in unserem Leben. Richtig ist, dass wir umkehren sollen. All dies stimmt, aber falsch ist, wenn wir sagen: „Den musst du alleine tun!“ Alles, was der Mensch alleine tut, ist Trennung von Gott. Und es besteht die Gefahr, dass – obwohl wir’s ganz positiv meinen – unser Gegenüber es so versteht: „Hier wird jetzt eine Leistung als Bedingung erwartet, die ich erfüllen muss, damit ich mit dem ewigen Leben belohnt werde!“

Der Mensch kann aber von sich aus gar nicht glauben. Der Mensch ist geistlich tot. Und wenn zur Entscheidung aufgerufen wird im Sinne des Evangeliums, dann ist das so zu verstehen wie bei Lazarus, als Jesus zum Entsetzen der Schwester sagt: „Lazarus, komm heraus!“ und Martha hat schon richtiges Mitgefühl und sagt: „Lass den Stein zu! Er stinkt schon, der ist mausetot, er kann nicht rauskommen!“

So redet der Schöpfer, so redet der Erlöser, der selbst die Kraft hat, durch sein Wort zu schaffen, was nicht da ist. Wie bei der ersten Schöpfung Gott sagt: „Es werde Licht!“ – und es ward Licht, so entsteht Glaube, indem Gott durch das Evangelium einen Menschen anspricht und sagt: „Es werde Licht!“ – und die Erkenntnis Jesu Christi geht auf in den Herzen derer, die das Evangelium hören. Deshalb ist auch das Evangelium „dynamis“, Kraft!

Sie dürfen die Artikel für den persönlichen Gebrauch gerne verwenden und für Gruppen kopieren!
Wir bieten auch Ein- und mehrtägige Seminare für Kinder- Jugend- und Erwachsenenarbeit an. Mehr Infos hier