Essstörungen: Erscheinungsformen - Ursachen - Hilfen

Aus LZA - Materialhilfen

„In unserer Kultur ist es die Norm, dass Frauen hungern.“ „Anorexie und Bulimie wirken in ihrem epidemischem Ausmaß wie politische Beruhigungsmittel auf die Generation unserer Töchter.“ Sätze der amerikanische Bürger­­rechtlerin Naomi Wolf in einer Rede vor dem Amerikanischen Kongress. Auch in Deutschland läuten die Alarmglocken. Essstörungen sind auf dem Vormarsch. Man vermutet, dass in Deutschland 100 000 Frauen zwischen 15 und 35 Jahren an Magersucht leiden und 600 000 an Bulimie. Magersucht und Bulimie sind in erster Linie Krankheiten von Mädchen in der Pubertät und jungen Frauen, doch zeigen Studien, dass die Betroffenen immer jünger werden.[1] Von den Essstörungen sind vor allem Frauen betroffen, doch sind sie, nach Beobachtung von Experten, auch bei Jungen und Männern auf dem Vormarsch. Diese machen schätzungsweise fünf bis zehn Prozent der Betroffenen aus.[2]

Inhaltsverzeichnis

Der Begriff Essstörungen [3]

Eigentlich ist der Begriff Essstörungen falsch, da es sich bei den verschiedenen Erschein­ungs­bildern nicht nur um eine Störung des Essverhaltens handelt. Die Essstörung an sich ist nur ein Symptom von tieferliegenden Problemen. So ist einer Teenagerin, die zu wenig isst nicht geholfen indem man einfach zu ihr sagt „nun iss einfach etwas mehr“. Da sind die Begriffe wie Magersucht, Ess- Brechsucht oder Fettsucht schon zutreffender. Es ist wirklich eine Sucht, „eine tiefe innere Verstrickung, ein ständiges Ums- Essen- Kreisen, dem man hilflos gegenübersteht.“[4] Allgemein kann man von einer Essstörung sprechen, wenn durch das Essen, bzw. das Nicht- Essen, Probleme unterschiedlicher Art verdrängt oder sogar bewältigt werden sollen. Sprich, dann wenn das Essen nicht mehr nur zur Erhaltung der Körperfunktionen dient. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung nennt das „Kalorienzählen mit dem Ziel, willkürliche Gewichtsgrenzen einzuhalten“ als die „sicherste Einstiegsdroge in eine Essstörung.“[5]

Die Formen von Essstörungen [6]

Man kann zwischen vier Formen von Essstörungen unterscheiden:

  1. der latenten Esssucht
  2. der Magersucht
  3. der Ess- Brechsucht
  4. der Fettsucht

Die latente Esssucht bezeichnet ein Verhalten, welches das eigene Essen ständig streng kontrolliert. Man kann es auch eine ununterbrochene Diät nennen. Es gehört zum Alltag, sich mit dem Essen und der Figur zu beschäftigen. Man ist der Ansicht, das normale Gewicht nur durch ein strenges Kontrollsystem halten zu können. Teenager mit so einem Verhalten fallen in der Regel gar nicht auf, in unserer Gesellschaft wird es als normal akzeptiert. Der Übergang zur Magersucht und Ess- Brechsucht ist fließend.

Bei der Magersucht (Anorexia nervosa) wird gar keine oder kaum Nahrung zu sich genommen. Das ganze Denken ist auf das Essen, bzw. Nicht- Essen fixiert. Auf die Magersucht werde ich nachher ausführlich eingehen.

Die Ess- Brechsucht (Bulimia nervosa, kurz: Bulimie) tritt meist bei Frauen bis zum 30. Lebensjahr auf. Sie haben im Gegensatz zur Magersucht ein normales Gewicht und können ihre Sucht auch länger verbergen. Ich werde sie nachher noch ausführlicher behandeln.

Bei der Fettsucht (Adipositas) leiden die Betroffenen unter einem Esszwang, dem sie nicht entrinnen können. Es sind zwanghafte Esser, die eigentlich einen inneren Hunger stillen. Typisch für solche Menschen ist ein geringes Selbstwertgefühl und die Neigung zu Depressionen. Sie sind oft Zielscheibe von Spott und essen zum Trost, zur Belohnung, zur Beruhigung, zur Ablenkung und aus Langeweile.

Im folgenden soll vor allem die Magersucht ausführlich dargestellt werden; mit Ursachen, dem Erscheinungsbild, den Folgen und Möglichkeiten zur Heilung. Dann folgen Ausführungen zum Thema Ess- Brechsucht, Bulimie. Da die Betroffenen meistens Frauen sind, wird gewöhnlich in weiblicher Form, von den Kranken gesprochen.

Magersucht (Anorexia nervosa)

Ursachen und Entstehung der Magersucht

Bei dem Erscheinungsbild der Magersucht, fallen verschiedene Aspekte, welche die Magersucht verursachen und ihr den Boden bereiten, zusammen. Eines davon ist sicher das Schlankheitsideal, um nicht zu sagen, der Schlankheitswahn der westlichen Welt.

Gesellschaftliche Aspekte

Unsere Gesellschaftliche Situation bietet ein günstiges Klima für das Auftreten der Magersucht. Diese Behauptung folgert aus zwei statistischen Auffälligkeiten: 1) Das Problem der Magersucht ist ein Problem der westlichen Wohlstandskultur und da tritt sie wiederum vor allem unter den sozial und finanziell besser gestellten auf. 2) Frauen sind schätzungs­weise zehn mal häufiger von der Magersucht betroffen als Männer. Die Ursache hierfür liegt sehr stark am Schönheitsideal der westlichen Welt. Und da Frauen viel stärker nach ihrer äußeren Erscheinung beurteilt werden als Männer, leuchtet diese statistische Beobachtung ein. In unserer Gesellschaft wird körperliche Schönheit dermaßen betont und belohnt. Man kann sagen, dass Schönheit gleichbedeutend steht für geliebt, akzeptiert, anerkannt und wertvoll sein. In unserer Überflussgesellschaft werden Eigenschaften wie Erfolg, Glück, Weltoffenheit und sexueller Anziehungskraft automatisch mit Schlankheit verbunden.[7] Der Druck, dem propagierten Schönheitsideal zu entsprechen, ist so groß, dass die Amerikanerin Naomi Wolf recht hat, wenn sie sagt „In unserer Kultur ist es die Norm, dass Frauen hungern.“[8]

Die familiäre Situation

Wenn man die familiäre Situation der Magersüchtigen untersucht, wird man feststellen, dass die Krankheit vor allem in äußerlich intakten Familien auftritt. Laut Christa Meves ist sie auch stärker in Familien zu finden, die sich um ein aktives Glaubensleben bemühen, als in Familien mit atheistischem Hintergrund.[9] Es sind Familien, in denen Ordnung, Pflichterfüllung und Fleiß einen hohen Stellenwert einnehmen. Das Bild der Familie nach außen muss stimmen. Oft herrscht ein kühles Gefühlsklima.[10] Für den Vater zählen nur die Noten, die Mutter möchte jeden Lebensbereich ihrer Tochter kontrollieren. Monika Gerlinghoff vom Max-Planck- Institut für Psychiatrie in München beschreibt das Klima in diesen Familien als „sehr korrekt, sehr leistungsorientiert, sehr wenig emotional.“ Das Motto könnte sein: „Vertraue niemandem so wie deinen Eltern, die Welt da draußen ist feindlich.“[11] Dr. med. Walter Vetsch schreibt auch, dass fast alle Magersüchtigen, die er erlebt hat, in irgendwie zwischen Vater und Mutter standen.[12]

Die Persönlichkeit der Magersüchtigen

Gesellschaftliche und familiäre Aspekte bilden also den Nährboden, bzw. günstige Beding­ungen für die Magersucht. Doch entscheidend ist der Same, der auf diesen Boden fällt – die Persönlichkeit der Magersüchtigen selbst. Letztlich sind es ihre persönlichen Entscheidungen, ihre Charakterzüge und die Wertvorstellungen nach denen sie sich ausrichtet, die dazu führen, dass sie schließlich magersüchtig wird. Auch wenn ihre Persönlichkeitsstruktur durch die Umwelt mitgeprägt ist, muss sie als Erwachsene doch die Verantwortung dafür übernehmen.[13]

Schmerz

„Nahrung ist nicht die eigentliche Ursache für Magersucht. Der Kreislauf beginnt stets mit Schmerz. Dieser Schmerz kann zurückgehen auf irgendein bedeutenderes Lebens­trauma[14], auf ein Familienproblem oder auf geringen Selbstwert.“[15]

Entstehung von Magersucht - Sicht der Entwicklungspsychologie (tiefenpsychologisch)[16]

Christa Meves schreibt, dass sie unter Hunderten von Anamnesen[17], die sie durchgeführt hat, keiner einzigen Patientin begegnet ist, „die nicht bereits sehr früh sogenannte orale Ersatz­befriedigungen zeigte: exzessives Daumenlutschen, Nägelbeißen, Haarausreißen und –essen, suchtartiges Trinken, Naschsucht oder zumindest ein frühes intensives Interesse an Nahrungs- und Genussmitteln.“[18] Weiter schreibt sie, konnte sie nach genauer Befragung der meist sehr pflichtbewussten Mütter ohne Ausnahme nachweisen, dass die Säuglinge ganz früh mit „preußischer Strenge“ in einen festen Rhythmus der Nahrungsaufnahme hinein­gezwungen wurden. Dadurch haben diese Mädchen am Anfang ihres Lebens eine zunächst unspezifische Störung ihres Nahrungstriebes erworben. Dieser kann später zur seelischen Erkrankung führen, wie Fresssucht, Diebstahlsneigung und viele andere. Und eben auch zur der Form der Pubertätsmagersucht. Nach Christa Meves sind dies alles Formen einer einzigen Erkrankung, nämlich der neurotischen Depression. Ihre Hauptwurzel liege darin, dass der Antrieb zur Nahrungsaufnahme unter Angst gehemmt wurde. Damit sei die Magersucht eine „Variante der neuen Volkskrankheit neurotische Depression“[19], deren primärer Ansatz in einer oralen Triebverstümmelung liegt. Solche Schäden an vitalen Antrieben haben eines gemeinsam: „Sie sind von unerbittlicher Stärke und einer hart­näckigen Therapieresistenz.“[20] Daraus wird ersichtlich dass, und warum Appelle an den Willen den Kranken Unrecht tun.

Wächst nun das Kind mit so einem gestörten Nahrungstrieb in einem Elternhaus auf, welches von Leistung und Belohnung geprägt ist, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich eine Mager­sucht ausbildet[21]. Die Tochter „schlägt die Ehrgeizlinie ein“ und versucht so, die An­erkennung der Mutter zu gewinnen. Wenn dies im Leistungsbereich gelingt, verstärkt dies die Ehrgeizhaltung noch weiter. Durch den Pubertätsschub wird sich das Mädchen seiner „oralen Gier“ bewusst und begegnet ihm mit der Gegenreaktion. Es ist zu der strengen Selbst­­­kontrolle in der Lage, da es durch die strenge Erziehung Disziplin erlernt hat.

Eigenschaften und Verhalten der magersüchtigen Mädchen

Perfektionismus

Perfektionismus ist ein wichtiges Kennzeichen der Magersüchtigen. Sie meinen, sie müssen perfekt sein: attraktiv, schlank, sportlich, beliebt und intelligent. Magersüchtige zählen oft zu den besonders guten Schülerinnen, oft Gymnasiastinnen. Sie sind in der Schule sehr fleißig und erfolgreich. Die Schulhefte sind erstklassig geführt.[22] Monika Gerlinghoff schreibt[23]: „Das sind Frauen mit sehr viel Power, sehr kreative Frauen, oft sehr intellektuell. 80 Prozent unserer Patientinnen sind Schülerinnen und Studentinnen.“ Trotz ihrer sehr guten Leistungen sind sie jedoch nie zufrieden. Der Perfektionismus beeinflusst neben den messbaren Leistungen auch die Gefühle und Beziehungen. So leben Mager­süchtige, um Fehler um jeden Preis zu vermeiden, sehr angepasst.[24]

Magersucht als Ausdruck der Suche nach Identität [25]

Magersüchtige leben in der Vorstellung, ihre Existenz durch außergewöhnliche Leistungen rechtfertigen zu müssen. „Normal“ zu sein empfinden sie als Bedrohung. Durch das oft über­angepasste Verhalten in der Kindheit, haben Magersüchtige viel Lob und Wohlwollen erhalten. Doch kann man nicht auf die Dauer allein von der äußeren Bestätigung leben. Es entstehen Fragen: Wer bin ich wirklich? Was will ich wirklich? Was bin ich wert, ohne meine guten Leistungen? „Die Spannung zwischen der angepassten Maske, die sie gegen außen tragen, und ihrer eigenen, sinkenden Selbsteinschätzung, wächst ins Unerträgliche. In der Magersucht wird nun die ganze Angst vor der eigenen Unzulänglichkeit auf den eigenen Körper projiziert.“[26]

Je ausgemergelter eine Magersüchtige wird, desto überzeugter ist sie davon, dass sie etwas besonderes ist. Durch ihre Magerkeit gewinnt sie den Eindruck, sie sei etwas außer­gewöhn­liches und wertvolles. Es entsteht eine Zwiespältigkeit: Auf der einen Seite isoliert sie sich in ihrer Überheblichkeit zusehends von anderen, gleichzeitig ist sie auf Gleichaltrige und deren entspannte Beziehungen neidisch. Es kommt zu einer typischen Ambivalenz von Minder­wertig­keits­gefühlen und einer Überlegenheitshaltung.

Angst vor dem Erwachsen werden [27]

Ein weiterer Faktor kann die Angst vor dem Erwachsen werden sein. In der Pubertät verselbständigt sich der Körper des jungen Mädchens gewissermaßen und entwickelt sich zur Frau. Und das unabhängig davon, ob sich das Mädchen den damit verbundenen Anforder­ungen gewachsen fühlt oder nicht. Walter Vetsch schreibt, dass praktisch alle Mager­süchtigen mit denen er gesprochen hat in irgendeiner Form Angst vor dem Erwachsen werden haben. „Sie fühlten sich auf ein Leben als eigenverantwortliche, erwachsene, partnerschaftsfähige Frau noch gar nicht vorbereitet. Mit ihrem dünnen Körper versuchen sie sich vor hohen Erwartungen zu schützen.“[28]

Kontrollbedürfnis

Die Magersucht stellt oft das Bedürfnis nach Kontrolle dar. Das zwanghafte und zum Teil hochritualisierte Ess- bzw. Fastenmuster bietet dem Magersüchtigen die Möglichkeit Ordnung in sein (inneres) Chaos zu bringen.[29]

Folgen der Magersucht

Erscheinungsbild der Kranken:

Die Kranken sind im allgemeinen unauffällig, oft sind sie besonders still und treten wenig hervor. Sie verhalten sich angepasst und dass der Körper beginnt auszumergeln, ist im „Schlabberlook unserer Jugendmode“ nicht immer so schnell erkennbar. Doch an folgenden Merkmalen kann die Magersucht für den Außenstehenden erkennbar werden: Meist verfrorene skelettierte Hände, das Haar wird struppig und die Haut der Unterarme schuppig. Das Gesicht wird blass, die Nase ist oft gerötet, die Wangen fallen ein und der Wangenknochen tritt hervor.[30]

Medizinische Folgen (Folgen von Unterernährung):[31]

  • Amenorrhoe: Ausbleiben der monatlichen Regelblutung.
  • Anämie: Verringerte Anzahl der roten Blutkörperchen.
  • Drüsen- Fehlfunktionen: Z. B. die der Schilddrüse.
  • Verstopfung
  • Malnutrition: Lethargie und Wasseransammlung
  • Nierenfehlfunktion und Nierenversagen
  • Bei extremem Gewichtsverlust steigt das Risiko von Nierenversagen, da den Nieren lebenswichtige Nährstoffe und Proteine entzogen werden.
  • Schlaganfall
  • Osteoporose: Knochenschwund aufgrund von Vitaminmangel
  • Langsamer Puls

Weitere Merkmale:[32] Trockene Haut, Haarausfall, dünner Flaum an anderen Körperteilen, geplatzte Blutgefäße im Gesicht, Ränder unter den Augen, Ohnmachtsanfälle, Herzrasen, Herzrhythmus- Störungen.

Lebensbedrohlichkeit:[33] Die Anorexie bringt auch eine sehr hohe Sterblichkeitsrate mit sich. Mit 15 bis 20 % ist es die höchste bei allen psychiatrischen und psychosomatischen Störungen.

Psychische Folgen [34]

  • Gestörte Impulsbeherrschung: Die Magersüchtige neigt zu impulsiven Reaktionen und extremen Emotionen wie Zorn und Wut.
  • Beeinträchtigtes Urteilsvermögen: Dies findet natürlich im Blick auf ihre Krankheit statt. So gehen Magersüchtige, trotz ihres abgemagerten Körpers davon aus, sie seine dick. Manche Magersüchtige scheinen orientierungslos und vergesslich.
  • Sozialer Rückzug: Magersüchtige versuchen, ihre Essgewohnheiten zu verbergen und lügen dazu auch vielfach. Dieses Verstricktsein in Lüge, Schuld und Scham veranlasst viele zum Rückzug von Freunden und Familie.
  • Schuld und Scham
  • Magersüchtige fühlen sich wegen ihres Verhaltens intensiv schuldig und empfinden eine intensive Scham. Sie hassen sich selbst und ihr Verhalten. Sie versuchen diese Gefühle zu verdrängen, doch entsteht dabei nur mehr innerer Schmerz.

Reaktionen auf die Magersucht in der Familie

Von Natur aus sind Magersüchtige eher robuste, gesunde Naturen. Als Kinder waren sie kaum krank. Deshalb verhält sich die Familie zuerst unbeeindruckt von dem Schlankheits­feldzug ihrer Tochter. Erst wenn das Gewicht extrem absinkt und das Essen bei den Mahlzeiten regelmäßig verweigert wird, beginnen bei den Eltern die Alarmglocken zu läuten. Von da an verschlechtert sich die Beziehung des Mädchens zu den Eltern normalerweise zusehends. Diese beginnen nun zu kämpfen. Die Mutter versucht es, je nach Temperament, mit überlistenden Tricks, mit Tränen, Schimpfen oder Vorwürfen, oder mit dem ständigen Anbieten von besonderen Leckerbissen. Die Väter reagieren oft mit Gebrüll oder auch mit Repressalien. Das alles führt natürlich nur zu einer Verschlechterung der Situation. Die Mädchen verschließen sich immer mehr und werden oft aggressiv. Sie ziehen sich immer weiter zurück.[35]

Teufelskreis der Depression [36]

Da die Magersüchtigen ja aus Familien kommen, in denen Werte gelebt oder gefordert werden, verwerfen die jungen Kranken sich selbst sehr stark. Diese Selbstverwerfung jedoch, verstärkt und chronifiziert die eigentliche Grundkrankheit, die Depression. Das Erleben, dass die eigene Krankheit den Familienfrieden immer stärker zerstört und die geliebte Mutter zusätzlich belastet, verursacht Schuldgefühle. Diese wiederum verstärken die Depression und setzen eine Reihe von Teufelskreisen in Gang: Die gequälte Mutter quälen, Rache an der Mutter, warum bleibt unbewusst.[37] Dieses eigene Verhalten empfindet die Kranke selbst als durch und durch verwerflich, wodurch die Verstrickung im Netz der seelischen Erkrankungen vollkommen wird.

Auswege aus der Sucht

Verhalten der Angehörigen

Wichtig ist, das Vertrauen der Kranken zu gewinnen. Christa Meves schreibt, dass dies zum Beispiel durch kalorienarme Getränke und Nahrungsmittel viel besser geschehen kann, als durch eine „überstrenge Kandare“. Ziel ist, dass der Kranken das Leben wieder schmeckt, erst dann kann man hoffen, dass ihr allmählich auch das Essen wieder schmeckt.[38] So ist die Essstörung auch nicht als Tabu zu behandeln. Offenes, vorwurfsfreies Reden nimmt der Kranken die Scham über ihren Zustand. Weiter ist es wichtig, die Kranke unaufdringlich mit Büchern und Adressen von Therapiemöglichkeiten zu versorgen. Selbst wenn sie desinteressiert scheint, kann sie darauf zurückgreifen, wenn sie zu einer Therapie bereit ist. Auf die Frage, was sich ehemalige Kranke während ihrer Krankheit am meisten von ihren Eltern und Freunden gewünscht hätten, war die Antwort: „Sprich mich nicht auf Essen, Gewicht und Figur an..., sondern frage mich lieber, wie es mir geht.“[39]

Wichtig ist auch einzusehen, dass die Möglichkeiten der Familie und Freunden begrenzt sind. Professionelle Hilfe ist unbedingt nötig[40]. Genauso wichtig ist, denke ich, die geistliche Hilfe. Medizinische und geistlich- seelsorgerliche Betreuung dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Eine Hilfe kann hier die Arbeitsgemeinschaft christlicher Lebenshilfen (ACL)[41] sein.

Wege zur inneren Heilung [42]

Die Ursache für eine Magersucht liegt oft in einem tiefen inneren Schmerz. Dieser kann Missbrauch, Vernachlässigung oder eine gestörte Familiensituation sein. Zudem hat die Mager­süchtige eine von mangelndem Selbstwert, starkem Perfektionismus und Stolz geprägte Persönlichkeit. Vordergründig tritt sie mit einer Überlegenheitshaltung auf, doch dahinter verbirgt sich ein starkes Minderwertigkeitsgefühl. Ihr Streben nach Außer­­gewöhn­lichkeit folgt aus der Angst ein Niemand zu sein. Ihr eigentlicher Hilfeschrei ist die Frage „Wer bin ich? Was bin ich wert?“ Es ist die Sehnsucht nach Sinn, Liebe, Geborgenheit und Anerkennung. Grundsätzlich hat der Mensch diese Dinge, seinen Wert, seine Bedeutung durch die Loslösung von Gott durch die Sünde verloren. „Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes (griech. „doxa“= Ehre, Bedeutung), den sie bei Gott haben sollten“ (Römer 3,23 LÜ). Ist nicht seither die ganze Not unseres Lebens unsere Sorge um unser eigenes Ich? Wir wünschen uns Bedeutung und Wert durch Erfolg, Macht und Einfluss. Die Werteskala unserer Welt, Schönheit, Intelligenz und Reichtum, wird jedem von Kind an als notwendig und erstrebenswert dargestellt. Dieses Denken führt in die Versklavung, weil der Mensch letztlich unbefriedigt bleibt. Unser Verlangen nach Selbstachtung und Geborgenheit können wir nicht selbst stillen. Bei der Magersüchtigen ist ihre Magersucht also ein Lücken­büßer für ein sonst sinnloses Leben. Doch ein Lückenbüßer, der eine furchtbare Knechtschaft und Versklavung der Betroffenen mit sich bringt. Paulus schreibt: „Ihr wisst doch: Wem ihr euch als Sklaven unterstellt, dem müsst ihr dienen. Entweder ihr wählt die Sünde; dann werdet ihr sterben. Oder ihr wählt den Gehorsam; dann werdet ihr vor dem Gericht Gottes bestehen können“ (Römer 6,16 GN). Walter Vetsch schreibt deshalb, dass aus biblischer Sicht „die Befreiung aus einer Sucht immer nur auf dem Weg des Bekennens der Schuld, der eigenen Kapitulation vor Gott geschehen kann. Eine Magersüchtige muss zuallererst zugeben, dass ihr Stolz und ihre Gier nach Macht Sünde sind. Nur so kann sie echte, wirkliche Befreiung im Glauben an Jesus Christus erleben.“[43] Johannes schreibt in seinem Evangelium: „Jeder der die Sünde tut, ist der Sünde Sklave. Der Sklave aber bleibt nicht für immer im Haus; der Sohn bleibt für immer. Wenn nun der Sohn euch frei machen wird, so werdet ihr wirklich frei sein“ (Johannes 8,34-36).

Nur wenn eine Magersüchtige jene bedingungslose Liebe erfährt, die sie als Kind nie erfahren hat, oder der sie sich nie anvertraut hat, wird sie sich mit ihrem ganzen Leben Christus anvertrauen. Das zu verstehen, dass Gott sie liebt, fällt ihr sehr schwer. Vetsch schreibt, die Magersüchtige muss bis zu einem gewissen Punkt der Verzweiflung kommen, bis sie bereit ist sich einzugestehen, dass es sich bei ihr nicht nur um ein Essproblem handelt, sondern die Magersucht mit ihrem ganzen Leben zusammenhängt. Es muss ihr die Illusion genommen werden, dass sie durch hungern ihre Identität und Autonomie findet. Dieser Schritt aus der Sucht heraus ist der schwierigste, da die Magersucht auf einem ganzen Problem von Unwahrheiten und Selbsttäuschungen beruht. „Die Magersüchtige in Liebe und Bestimmtheit an diesen Punkt zu führen erfordert viel Geduld und Weisheit. Die Gesinnung Jesu, welche die Sünde aufs schärfste verurteilt, den Sünder aber bedingungslos liebt, führt alleine zum Ziel“ schreibt Walter Vetsch[44].

„Du, Herr, hast mich wunderbar gemacht“ sagt David in Psalm 139. „In meiner Einmaligkeit, mit meiner Begabung und mit meiner Begrenzung hat Gott mich gemacht und gewollt. Er liebt mich so, wie ich bin. Mein Leben ist mehr wert als alle Schätze dieser Welt.“[45] „Denn welchen Nutzen hätte der Mensch, wenn er die ganze Welt gewönne und verlöre sich selbst oder nehme Schaden an sich selbst?“ (Lukas 9,25). Wenn das eine Magersüchtige begreift und sie sich Jesus ganz anvertraut, erfährt sie wirkliche Befreiung aus ihrer unendlichen Not.

Therapie der Magersüchtigen [46]

So komplex wie die Entstehung der Magersucht, ist auch ihre Therapie. Magersüchtige brauchen unbedingt ärztliche Hilfe. Doch viele praktische Ärzte erkennen die medizinischen Symptome einer Essstörung nicht oder zu spät als solche. Deshalb ist es oft sehr spät, bis eine Kranke mit einer Therapie beginnt. Bei der Magersucht müssen psychotherapeutische Bemühungen, soziale Integrationsmaßnahmen und die medizinische Behandlung Hand in Hand gehen. „Insbesondere bei der Anorexia nervosa[47] muss die Behandlung – vor allem bei einem extremen Untergewicht – stationär eingeleitet und dann ambulant fortgesetzt werden“ so Werner Köpp von der Universitätsklinik Berlin. In Berlin ist die Behandlung interdisziplinär. Medizinisch ist sie auf die Folgen der Essstörung orientiert, psychotherapeutisch auf das Verhalten der Patientin und ihre inneren Konflikte. Weil häufig Ablösungskonflikte auftreten, wird zunehmend auch erfolgreich die Familientherapie eingesetzt.

Auch Monika Gerlinghoff ist ein umfassender Ansatz wichtig: „Essgestörte gehören in spezielle Therapieeinrichtungen. Nicht jeder Kinderarzt und auch nicht jeder Psychiater kann Essstörungen behandeln.“[48] Vor allem genüge eine ambulante Behandlung nicht: „Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es nicht genügt, die Hintergrundproblematik aufzuarbeiten, und dann reguliert sich das Essverhalten von selbst. Wir müssen gleichzeitig ein Ess­programm anbieten, und zwar in der Praxis. Und das kann kein niedergelassener Arzt oder Psychotherapeut. So bleibt nur eine stationäre Behandlung oder eine Tagesklinik wie unsere hier.“[49] Im Therapie- Centrum für Essstörungen (TCE)[50], das die Ärztin und Psycho­therapeutin Gerlinghoff leitet, macht man gute Erfahrungen mit einem Vierphasenmodell: Man beginnt mit einer vierwöchigen Motivationsphase. Seit diese eingeführt wurde, würden nur noch wenige Patientinnen die Behandlung abbrechen. Dann verbringen sie vier Monate lang acht Stunden täglich in der Tagesklinik. Hier kochen und essen sie auch gemeinsam. Eine wichtige Rolle bei der Psychotherapie, spielt der kreative nonverbale Ausdruck. Zum Beispiel das malen von Bildern. Ziel ist, dass die Patientinnen lernen ihre Denkweisen zu ändern und sie sich nicht länger selbst abwerten. Darauf folgt eine viermonatige ambulante Phase, die dazu dienen soll, die Frauen beim Übergang in den Alltag zu begleiten. Dabei können die jungen Frauen „draußen“ erproben, was sie „drinnen“ gelernt haben. Den Schlusspunkt setzt schließlich eine vierwöchige Ablösephase. „Ein großes Ziel von uns ist, dass sie am Ende hier rausgehen und wissen, wie sie allein mit Problemen umgehen können“ sagt Monika Gerlinghoff[51].

Insgesamt ist eine Gruppentherapie einer Einzeltherapie vorzuziehen. Seit 1994 gibt es vom TCE auch therapeutische Wohngemeinschaften. Ihre bedeutende Rolle betont Monika Gerlinghoff: „Dieses Miteinanderleben, um gemeinsam Lebenskompetenz nachzuholen, das ist in meinen Augen das Nonplusultra.“[52] Auch eine Mutter- Kind- Gruppe gibt es inzwischen am TCE. Nach Expertenmeinungen reichen die Therapieplätze jedoch bundesweit nicht aus.

Der Magersucht vorbeugen [53]

Die extrem hohe Sterblichkeitsrate der Anorexie weist, so Werner Köpp, auf die individuellen Leiden der Betroffenen aber auch auf die volkswirtschaftlichen Aspekte dieser z. T. schwer behandelbaren Krankheit. Deshalb ist Vorbeugung ungemein wichtig. In einer Reihe von Städten gibt es Projekte, die das Ziel haben, Schülerinnen und Schüler über dieses Problem zu informieren und sie zu stärken.

Da das Essverhalten stark von der Familie beeinflusst wird, sind zunächst einmal die Eltern gefragt. Sie sind mit ihrem Essverhalten Vorbild für die Kinder. Laut Psychologie heute zeigen Studien, dass Kinder von Eltern, die selbst unkontrolliert essen oder oft Diäten halten, mehr zu Übergewicht oder Essstörungen tendieren als andere. Und wenn Eltern ihr Kind für zu dick halten? Grundsätzlich ist zu sagen, dass bei Kindern im Wachstum die Gewichts- und die Größenzunahme nicht gleichzeitig, sondern nacheinander erfolgen. Normalerweise findet eine Gewichtszunahme vor dem Wachstum statt.

Generell sollte die Gesundheit des Kindes der entscheidende Maßstab sein. Ein gesundes Essverhalten und ausreichende körperliche Aktivität sind wichtiger als das Gewicht. Eine US- Studie hat außerdem herausgefunden, dass Kinder die weniger fernsehen messbar schlanker waren als andere.

Adressen zum Thema Magersucht

Informationen im Internet[54]:

  • www.uni-leipzig.de/~anorexia/index1.htm (bietet eine gute Übersicht)
  • www.bzga.de bzw. www.bzga.de/adressen/essstoerungen.htm (ein kommentiertes Adressenverzeichnis)
  • www.fz-ess-stoerungen.de (Frankfurter Zentrum für Essstörungen)
  • www.awmf-leitlinien.de

Geschäftsstelle der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Lebenshilfen: ACL Geschäftsstelle Schlossstr. 6, E- Mail: info@acl-deutschland.de Faxabruf der ACL- Liste der Rehabilitationszentren: 05683 / 922 000 5

Das Help Center, als ein Mitgliedswerk der ACL: Help Center e.V. Postfach 21 63


Ess- Brechsucht (Bulimia nervosa, kurz: Bulimie)

Dieser Bereich kann nur kurz entfaltet werden. Den Ausführungen liegt der Artikel „Bulimie: Die Sucht im Verborgenen“ von Solvejg Nübl- Buzek.[55] zugrunde.

Darstellung des Krankheitsbildes

Entstehung

Bulimie entsteht fast immer im Zusammenhang mit einer Diät, mit dem Versuch abzunehmen. Die Betroffene kommt sich zu dick vor und will ihr Gewicht „zum Optimalen hin“ verändern. Ziel ist, das Idealgewicht unter allen Umständen zu erreichen und dann auch zu halten. Da es in unserer Gesellschaft ja anerkannt ist, wenn jemand sein Idealgewicht erreichen will, wirkt das Ganze am Anfang wie eine Spielerei. Doch diese kann Einstieg in einen bitter ernsten Kreislauf werden. Das Essen, bzw. der Kampf dagegen, wird zum Faktor der beginnt, den ganzen Alltag zu bestimmen. Das Gewicht, bzw. die Figur, das Abnehmen, bzw. das nicht Zunehmen, wird zum Mittelpunkt des Lebens.

Die Bulemikerin versucht streng nur „gute Nahrungsmittel“[56] zu essen. Doch irgendwann kippt das Ganze: der Kampf und Kontrolle werden aufgegeben und es kommt zum Essanfall.

Essanfälle

Essanfälle können geplant und ungeplant sein, sie können ungewollt und durch eine bestimmte Situation provoziert sein. Nach dem Essanfall folgt auf jeden Fall die Panik vor dem Zunehmen. Egal wie, die zu sich genommenen Kalorien, müssen wieder verschwinden. Hierzu gibt es verschiedene Möglichkeiten: Erbrechen, Abführmittel, extreme sportliche Betätigung oder strenge Diät.

Zusätzlich treten nach einem Essanfall selbstabwertende und selbstverdammende Gedanken auf. Gefühle von Verzweiflung, Nichtverstehen und Selbsthass. Diese Gefühle können nur durch den erneuten Vorsatz „Ab Morgen...“ besänftigt werden.

Bulimie als Sucht

Die beschriebene Symptomatik mit dem Wechsel von Kontrolle und Versagen bekommt mit der Zeit eine Eigendynamik und wird damit zur Sucht. So lassen sich deshalb bei einer Bulimikerin die klassischen Suchtmerkmale auf jeden Fall feststellen.

  1. Fixierung auf die „Droge Essen“. Die Wirkung, die durch Essen erreicht wird, kann durch kaum andere Mittel erreicht werden.
  2. Dosissteigerung
  3. Unehrliches Verhalten: Vor anderen isst man kontrolliert. Essen wird gestohlen.
  4. Kontrollverlust: In Bezug auf das Essen kann die Vernunft die eigenen Handlungen nicht mehr kontrollieren.
  5. Entzugserscheinungen: Dann, wenn Gier nach Essen besteht, dies aber nicht möglich ist.
  6. Verleugnung: Zuerst wird das eigene Verhalten sich selbst gegenüber als natürlich erklärt. Und wenn man sich selbst dann die Sucht eingesteht, verbirgt man sie doch vor anderen.
  7. Interessenabsorbtion und Zentrierung: Während der Tagesablauf immer mehr auf das Essen abgestimmt wird, werden andere Interessen mehr und mehr vernachlässigt.

Ursachen für die Bulimie

Es gibt verschiedene Ursachen für das Symptom Bulimie, die bei den einzelnen Betroffenen auch unterschiedlich gewichtet sein können.

  • Die Bedeutung des Schlank-Seins in unserer Gesellschaft.[57]
  • Mit daraus folgend, der Hunger nach Anerkennung.[58]
  • Die Erfahrung, dass durch Leistung Liebe erworben werden kann.[59]
  • Auch ist für Frauen das Essen als Suchtmittel gerade wie geschaffen. Es ist immer und unauffällig verfügbar. Auch ruft es keine auffallenden Symptome hervor.

Die Bulimikerin lebt in zwei sich widersprechenden Festlegungen: Die eine lautet in etwa „Ich schaffe alles was ich will“, „ich bin gut“ im Sinne von Leistung. Die andere lautet „ Ich bin eine Versagerin, ich bin schlecht“.

Heilung von Bulimie

Grundlagen für Seelsorger/in und Betroffene Man muss wissen, dass die Heilung von Bulimie ein langer Prozess ist. Die Betroffene wird sich langsam ihrer Situation und der Zusammenhänge bewusst. Gefährlich ist dabei die Annahme, im Erkennen der Problematik liege bereits die Heilung. Es genügt nicht, dass die Betroffene weiß, warum sie essen muss. Mit dem Wissen allein kann sie der Handlung noch nichts entgegen­setzen.

In diesem Zusammenhang ist es auch falsch, an den Willen zu appellieren. Ziel ist, weg zu kommen von den eigenen Anstrengungen, von dem eigenen Kämpfen, davon auf die eigene Leistung zu fixieren. Gott will die Pole Dominanz (Selbstkontrolle) und Selbstkontrolle außer Gefecht setzen. So soll das wirkliche Gewissen und der wirkliche Wille Raum gewinnen. Deshalb muss das Ziel in erster Linie lauten: Aufhören zu kämpfen! Gott will heilen und wird es auch tun, wenn die Betroffene dranbleiben wird.

Es ist wichtig zu wissen, dass der Heilungsprozess von Bulimie normalerweise jahrelang dauern wird. Neben dem, dass bei der Bulimie das Suchmittel ja immer erhalten bleibt (es gibt keine Abstinenz von Nahrungsmitteln), liegt ein Grund darin, dass Gott ja nicht nur das Symptom beseitigen will, sondern auch die Ursache. Gott strebt eine ganzheitliche Heilung der Persönlichkeit an, die dann auch das Symptom überflüssig macht.

Wichtig ist auch, Rückschläge von vornherein einzuplanen. Es ist wichtig zu wissen, dass es auf dem Weg nach oben immer Phasen der Tiefs und der Stagnation geben wird. Im Lauf der Zeit werden jedoch die Rückfälle immer seltener und kürzer und die des Gesundseins immer länger werden. Rückfälle sind als Rückfälle zu benennen[60] und Zeiten der Heilung sind Heilung und nicht „gute Zeiten zwischendurch“.

Die folgenden Schritte sind in einer therapeutischen Lebensgemeinschaft lebbar:

Konkrete Schritte auf dem Weg zur Heilung

Kapitulation: Auflösen des Kontrollfeldes

Zuerst ist es wichtig ehrlich zu sein. Zugeben, dass die eigenen Anstrengungen nicht fruchten. Weiter zugeben, dass das Essen momentan die einzige Möglichkeit ist, mit Gefühlen umzugehen. Die Konsequenz daraus ist die Bereitschaft, die Heilung ganz in Gottes Hände zu legen. Nun können ganz konkrete Einzelschritte folgen:

Die Manipulation des Essverhaltens beenden

  • Konkret Mahlzeiten festlegen. Diese müssen auch dann eingehalten werden, wenn ein Essanfall dazwischen war. So wird das Feilschen um das Gewicht unmöglich gemacht.
  • Gewichtsregulierungsmaßnahmen beenden. Hier ist wichtig realistische Ziele zu stecken, klein zu beginnen. Z. B. einmal in der Woche nach dem ME nicht mehr zu brechen. Die Schritte aber ganz konkret festlegen.
  • Keine Nahrungsmittel gelten mehr als verboten.

Auseinandersetzung mit der eigenen Figur, mit den Motiven des Schlank-sein-Wollens

  • Ziel ist, Psalm 139 von Herzen bejahen zu können. Auf dem Weg dahin in Gottes Vergebung leben bzgl. der Bitterkeit gegen ihn (Anklage „Du hast meinen Körper nicht gut gemacht“).
  • Lügen bezüglich der Figur erkennen und durch die Wahrheit ersetzen. („So wie ich bin und aussehe, bin ich in Gottes Augen geliebt und wertvoll.“)
  • Personen, die einen bzgl. der Figur verletzt haben, vergeben.

Wichtig ist, dass in den ersten Monaten der Seelsorge kein Ziel in Bezug auf das Gewicht besteht, sogar Gewichtszunahme muss in Kauf genommen werden. Ziel ist gesund zu werden, auch wenn es die Vorteile des Krankseins kostet. Es könnte dran sein, die Nachteile des Gesundseins wahrzunehmen und sie zu akzeptieren.

Der Leistungsbegriff muss sich verändern. Weg vom „Ich schaffe alles, was ich will“, hin zum „Durch Jesus schaffe ich alles, was Er tun will.“


Flucht- und Trotztendenzen in Gedanken und Handlungen auflösen

Bewusstmachung Sich selbst beobachten und kennenlernen. Das was sonst automatisch abläuft wahrnehmen, so die Versuchung rechtzeitig erkennen. Lügen und negative Haltungen, die die Flucht-/ Trotzhaltung begleiten, sind zu entdecken und als Schuld zu bekennen.

Vergebung annehmen Wichtig ist, sich nach einem Essanfall nicht zu verdammen. Die Selbstanklage aufgeben und die Vergebung in Anspruch nehmen. Wenn Gott mir vergibt, kann ich mich dann selbst anklagen? Das ist ein wichtiger Punkt, an dem oft viel gearbeitet werden muss und oft ein negatives Gottesbild ans Licht bringt.

Ehrlichkeit Den Mantel der Heimlichkeit lüften. Anderen Menschen (Eltern, Ehemann) von der Bulimie erzählen.

Freiräume schaffen Sich Freiräume schaffen, in denen etwas getan wird, dass Freude macht, ohne dass es nützlich sein muss.

Schluss

Auch bei der Bulimie ist es wichtig, dass professionelle Hilfe in Anspruch genommen wird. Ärzte, Seelsorger, Therapeuten oder Selbsthilfegruppen. (Vergleiche auch „Therapie der Magersüchtigen“, wo dieses Thema ausführlicher behandelt wird, sich aber in vielem entspricht.) Ich halte persönlich viel von den Einrichtungen der Arbeitsgemeinschaft christlicher Lebenshilfen (ACL), da hier Therapiemöglichkeit und christlich- biblische Seelsorge zusammenfallen.

Hilfreiche Adressen siehe oben bei „Magersucht“.


Referenzen

  1. Vgl. Psychologie Heute, 47.
  2. Vgl. Psychologie Heute, 44.
  3. Vgl. t.e.c., 30-9.
  4. t.e.c., 30-9.
  5. Psychologie Heute, 45.
  6. Vgl. t.e.c., 30-9ff.
  7. Vgl. Ethos, 15.
  8. Psychologie heute, 44.
  9. Vgl. C. Meves, Maske Magersucht- Elend der Selbstverwerfung, in: Der Mensch hinter seiner Maske, Kassel 1985, 73.
  10. Vgl. Ethos, 13.
  11. Vgl. Psychologie Heute, 45.
  12. Vgl. Ethos, 14.
  13. Vgl. Ethos, 14.
  14. z. B. sexuellen Missbrauch.
  15. Vgl. J. McDowell: Magersucht, in: Handbuch Jugendseelsorge, Bielefeld 1998, 530.
  16. Vgl. Meves, a.a.O.
  17. Untersuchung zur Vorgeschichte einer Krankheit, nach Angaben des Kranken.
  18. Meves, a.a.O., 76-77.
  19. Meves, a.a.O.,77.
  20. Meves, a.a.O., 77.
  21. Bekommt das Kind genug Liebe und Anerkennung, kann der Schaden weitgehend ausgeglichen werden. Ist die Umwelt (das Elternhaus) vernachlässigt und lieblos, treten spätestens ab der Pubertät mehr oder weniger deutliche Züge von Verwahrlosung auf.
  22. Vgl. Ethos, 14.
  23. Psychologie heute, 45.
  24. Vgl. Ethos, 14.
  25. Vgl. Ethos, 14-15.
  26. Ethos, 15.
  27. Vgl. Ethos, 15.
  28. Ethos, 15.
  29. Vgl. J. McDowell, a.a.O., 531.
  30. Vgl. Meves, a.a.O., 73.
  31. Vgl. J. McDowell, a.a.O., 532.
  32. Vgl. J. McDowell, a.a.O., 532.
  33. Vgl. Psychologie Heute, 49.
  34. Vgl. J. McDowell, a.a.O., 533.
  35. Vgl. Meves, a.a.O., 75.
  36. Vgl. Meves, a.a.O., 79-80.
  37. Die Ursachen liegen laut Meves im Schreienlassen des Säuglings.
  38. Vgl. Meves, a.a.O., 81-82.
  39. Vgl. Psychologie Heute, 49.
  40. Vgl. Psychologie Heute, 49.
  41. Siehe Adressen unten
  42. Vgl. Ethos.
  43. Ethos, 16.
  44. Ethos, 17.
  45. Ethos, 17.
  46. Vgl. Psychologie Heute.
  47. Pubertätsmagersucht
  48. Psychologie heute, 46.
  49. Psychologie heute, 46.
  50. Max- Planck- Institut für Psychiatrie in München.
  51. Psychologie heute, 48.
  52. Psychologie heute, 48.
  53. Vgl. Psychologie Heute.
  54. Vgl. Psychologie Heute, 49.
  55. Vgl. Befreiende Wahrheit, 52-60.
  56. Nahrungsmittel, die nicht dick machen, gesund sind... (z. B. Obst, Gemüse, Magermilchjoghurt).
  57. Wäre ich schlanker, wäre ich geliebter. Weil ich zu dick bin... (Vgl. Magersucht).
  58. Es fehlt das Urvertrauen „Ich werde so geliebt, wie ich bin.“
  59. Schon Kinder lernen schnell, wie man sich Anerkennung verdienen kann: Anpassung (brav sein), Schule.
  60. Nicht als „bei mir ändert sich ja nie etwas.“
  • Bücher:
    • McDowell, Josh: Handbuch Jugendseelsorge. Bielefeld: CLV, 1998.
    • Meves, Christa: Der Mensch hinter seiner Maske. Vellmar- Kassel: Verlag Weißes Kreuz, 1985.
  • Zeitschriften:
    • Glomp, Ingrid: Nur noch Haut und Knochen. Psychologie Heute, Mai 2001, 44-49.
    • Nübl- Buzek, Solvejg: Bulimie- Die Sucht im Verborgenen. Befreiende Wahrheit, Nr. 4, Februar 1995, 52-60.
    • Stübner, Gisela: Die Seele hungert- der Körper versklavt. t.e.c. - teens erleben christus, 1/ 2000, 9-30ff.
    • Vetsch, Walter: Magersucht- Hilfe mein Kind löscht sich selbst aus. Ethos, 4/ 2000, 12-17.
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