Familie im Wandel
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Versuch einer Darstellung aus christlicher Sicht
Familie ist eine fundamentale Erfahrung. Wir wachsen in Familien auf, verbringen viele Jahre der Kindheit mit Vater, Mutter und Geschwister. Die Familie ist von höchster Bedeutung für die Entwicklung des Menschen. Es ist also nicht gleichgültig wie die Familie sich entwickelt, was in ihr abläuft und wie die christliche Gemeinde mit ihr umgeht. Die Erfahrungen, die in der eigenen Familie stattfinden, prägen das zukünftige Leben: Die Persönlichkeit, unser Selbstbild, unsere Haltung von Mann- und Frausein, Vater- und Muttersein, unsere Vorstellungen von Erlaubtem und Verbotenem, von Gut und Böse, sie bestimmen außerdem das Bild, dass wir von andern, von der Gesellschaft und von Gott haben. Eine glückliche Kindheit prägt ein anderes Familienbild als eine Familie in der Wärme und Vertrauen fehlten oder in der Kränkungen erlitten und Misstrauen gesät wurden. Wie auch die Familie aussah in der man aufwuchs, jeder Mensch hat eine Sehnsucht nach einer heilen Familie. Gerade diejenigen, die in einer „schlechten“ Familie aufgewachsen sind, stehen in der Gefahr, ein idealisiertes Bild von der Familie zu entwerfen, das mit seinen Ansprüchen die konkret handelnden Personen überfordert und darum zum Scheitern verurteilt ist.
Die Familie ist zu einem der wichtigsten Themen der Sozial- und Gesellschaftswissenschaften geworden. Die Literatur und die statistischen Veröffentlichung sind kaum noch übersehbar. Immer wieder werden wir mit neuen und neusten Zahlen konfrontiert was die Scheidung oder die Alleinerziehenden betrifft, wie viele Kinder auf ein Ehepaar im Durchschnitt kommen und dass das Heiratsalter sich nach oben verschiebt u. v. a. m.
Dabei fallen die Urteile unterschiedlich aus. Die einen sprechen von der „Krise“ der Familie, andere nur von einem Wandel. Ob Krise oder Wandel, entscheidend aus christlicher Sicht ist, wie wir damit umgehen und darauf reagieren. In christlichen Kreisen neigt man eher zur Krisendefinition. Aber was ist schon geholfen, wenn wir feststellen, dass die Familie in eine Krise geraten ist. Viel wichtiger ist doch zu fragen worin die Krise besteht oder worin sich der Wandel vollzogen hat und welche Folgerungen daraus zu ziehen sind. Allerdings scheint die Theologie hier nicht zuständig zu sein, auch nicht die evangelikale, denn man sucht vergeblich nach grundlegenden Arbeiten und Überlegungen wie von christlicher Seite mit der Krise oder dem Wandel umzugehen ist.
Ich möchte im ersten Teil einige Merkmale des veränderten Familienlebens und der veränderten Familienstruktur hervorheben, um dann im zweiten Teil die Folgen aufzuzeigen, die aus dem Wandel für die Familie entstanden sind, um dann in einem dritten Teil Wege aufzuzeigen wie wir mit dem Wandel aus christlicher Sicht umgehen sollten, dabei greife ich auch Erkenntnis aus der Pädagogik und der Entwicklungspsychologie auf. Ich möchte die Ausführungen als Anstoß und Anregung verstehen, in der Hoffnung, dass viele sich ansprechen lassen und anstatt über die Verfallserscheinung der Familie zu klagen Initiative ergreifen und mutig im Glauben Schritte wagen, einmal in Blick auf das eigene Familienleben, zum andern, um die Gemeinden zu motivieren mehr Gewicht auf die Familienarbeit zu legen und zum dritten, um Initiativen anzuregen, die anderen Familien helfen als Familie zu leben.
Familie im Kontext gesellschaftlichen Wandels
Die Familie ist wie keine andere Institution von gesellschaftlichen Veränderungen betroffen, den gesellschaftlichen Prozessen unterworfen und von den sie umgebenden Bedingen abhängig.
Zur traditionellen Familie zählte neben den Kindern auch das Gesinde, denn sie war nicht Ort des Privatlebens, sondern der Produktion. Der Alltag war durch den Kampf um das tägliche Überleben bestimmt. Entsprechend gestalteten sich die Beziehungen zwischen den Ehegatten und den Kindern. Die Kinder mussten schon frühzeitig mitarbeiten. In die Erziehung der Kinder war ganz selbstverständlich auch das Gesinde mit einbezogen. Man sprach darum auch nicht von der Familie, sondern vom Haus. Das Haus unterlag der sozialen Kontrolle der Nachbarschaft, des Dorfes und der Gemeinde. Ein nicht den Normen entsprechendes Verhalten wurde geahndet.
Die moderne Familie (ab dem 20. Jh.) ist eine Kleinfamilie geworden. Sie hat mit der Erzeugung von Gütern im eigenen Haushalt nichts mehr zu tun. Die Trennung von Wohnung und Arbeitsstätte ist strukturbedingt, wobei dem Mann die außerhäusliche Erwerbsarbeit zufiel, der Frau dagegen die Hausarbeit und die Kindererziehung. Die Wahl der Ehegatten ist seither eine Liebeswahl und nicht mehr von ökonomischen Rücksichten bestimmt.
In der postmodernen Familie (ab der 80er Jahre) setzt sich diese Entwicklung fort, indem die Frau ebenfalls einer Erwerbstätigkeit nachgeht.
Ich möchte einige Kennzeichens des Wandels etwas näher beleuchten und greife drei Bereiche auf, die mir im Augenblick als sehr bedeutsam erscheinen.
Isolation und Unsicherheit von Ehe und Familie
Die Individualisierung und Pluralisierung des gesellschaftlichen Lebens schlägt sich auch in Ehe und Familie nieder.
Die Pluralisierung hat nicht nur eine Vielzahl an Lebensformen und Lebensstilen hervorgebracht, sondern vor allem die Klammer traditionaler Gesellschaftlichkeit zerstört. Dadurch tritt ein Verlust an Sicherheit ein, verbunden mit persönlicher Isolation und Vereinsamung. Die Freiheit, sein Leben ohne Einschränkungen, Verpflichtungen und Rücksichtnahmen zu gestalten, entpuppt sich als eine trügerische Freiheit. Die Pluralisierung des Lebens bringt notgedrungen einen hohen Orientierungs- und Entscheidungsbedarf mit sich, dem viele Familien nicht gewachsen sind. Unsicherheit und Ratlosigkeit kennzeichnen das Familienleben. Was bleibt, sind die Beziehungen untereinander und hohe emotionale Erwartungen. Geraten die Beziehungen in die Krise und können die emotionalen Erwartungen nicht mehr erfüllt werden, geht die „Verankerung des Lebens“ verloren und Trennung ist angesagt. Die Krisenanfälligkeit der modernen Ehe hat auch mit dem Strukturwandel von Ehe und Familie zu tun. Leitragende sind die Kinder, die eine Scheidung in der Regel nicht ohne psychischen Störungen überstehen.
Mit der Individualisierung der Gesellschaft kam es zu einem Freisetzungsprozess subjektiver Lebensmöglichkeiten. Das Subjekt Mensch wird zum Dreh- und Angelpunkt der eigenen Lebensführung. Der Mensch wird zum Planungsbüro in bezug auf den eigenen Lebenslauf. Die Biographie löst sich immer stärker von vorgegebenen Rollenmustern. Der Freiheitsgewinn ist zwar groß und die damit verbunden Chancen eigene Wege zu gehen, aber eben so groß ist auch der Druck alles alleine entscheiden zu müssen und die Folgen dieser Entscheidung (Freiheit) auch selber tragen zu müssen. Der Verlust an traditionellen Sicherheiten und Leitbildern, Orientierungen und Stabilitäten bringt zwar Freiheitsgewinn, aber auch Orientierungslosigkeit verbunden mit Unsicherheit, Stress und psychischen Belastungen mit sich, denen viele Eltern und Kinder nicht gewachsen sind. Die Suche nach Orientierung und Hilfe ist groß. Das zeigt sich auch an dem Riesenangebot von Erziehungsratgebern, die zur Zeit auf dem Markt angeboten werden.
Die veränderte Frauen- und Mutterrolle
Bis Ende der 60er Jahre herrschte in der BRD (nicht in der DDR) bei verheirateten Frauen das Zwei-Phasen-Modell vor (Erwerbstätigkeit bis zur Geburt des ersten Kindes, dann endgültige Aufgabe der Erwerbstätigkeit), in den 70er Jahren ging man auf das Drei-Phasen-Modell über (Erwerbstätigkeit, längere Kinderphase, Wiedereinstieg in das Erwerbsleben), während sich seit der 80er Jahre das Sequenzmodell herausgebildet hat (Erwerbsarbeit, Mutterschutz bei vollem Lohn- und Gehaltsausgleich, Elternurlaub bzw. Karenz, Erwerbstätigkeit, eventuell zweiter Mutterschutz und Elternurlaub bzw. Karenz, Erwerbsarbeit usw.), scheint sich seit Ende der 90er Jahre eine neue Entwicklung anzubahnen: das Gleichzeitigkeitsmodell. Bevor wir darstellen was damit gemeint ist, muss noch etwas näher auf die Situation der Frau eingegangen werden, weil diese zu der neuen Entwicklung beiträgt.
Untersuchungen haben gezeigt, dass mit der Geburt des ersten Kindes und dann bei weiteren Kindern eine Traditionalisierung der Beziehungsmuster zwischen Mann und Frau eintritt: die Frau kümmert sich um Haushalt und Kinder (auch wenn sie weiter im Beruf bleibt), der Mann geht zur Arbeit und entzieht sich mehr oder weniger den Aufgaben der Familie. Immer mehr Frauen sind mit dieser Einteilung nicht einverstanden. Die Unzufriedenheit über die Doppelbelastung (Haushalt und Beruf) und das „Nur-Hausfrau-Sein“ (Verantwortung für Kinder und Haushalt) wächst. Der „Babyschock“ trifft nicht nur die berufstätige Frau – je später, desto härter, sondern auch Frauen, die Erziehungsurlaub nehmen oder auch ganz zu Hause bleiben. Sie entdecken, dass sie nun auf Heim und Herd begrenzt, faktisch in der gesellschaftlichen Hierarchie nach unten gesackt sind. Erziehungs- und Familienarbeit genießt im Gegensatz zu anderen Dienstleitungen wenig Prestige und Wertschätzung, trotz aller gegenteiligen Beteuerungen von Politikern und Sozialwissenschaftlern. Die Frau fühlt sich mit Haushalt und Kind alleingelassen. Der Mann erwartet (im Sinne der Traditionalisierung der Beziehungsmuster) von der Frau für das Geld das er nach Hause bringt als Gegenleitung Kindererziehung, Haushaltsarbeit und „reibungslosen Service“. Während er nach getaner Arbeit ein Recht auf Erholung und Entspannung beansprucht, hat die Frau das Gefühl eine „Rund-um-die-Uhr-Verantwortung“ für Kind, Mann und Haushalt zu haben. Die meisten Väter üben sich immer noch in Abstinenz, was Haushalt und Kindererziehung angeht. Die Folge ist, dass sich die Ehe immer mehr auseinander lebt. Es kommt zu einer verhängnisvollen Entwicklung. Je stärker der Groll der Frau über die ausbleibenden Hilfeleistungen des Mannes und seine Distanz zur Familie wird, desto mehr wendet sie sich dem Kind zu, auf das sich nun alle ihre Erwartungen nach beglückender Zweisamkeit richten. Der Mann reagiert seinerseits halb enttäuscht, halb erleichtert und zieht sich noch weiter zurück und stürzt sich verstärkt in seinen Beruf, Hobby oder Ehrenamt, denn da bekommt er wenigstens Selbstbestätigung. Solche Beziehungskrisen treffen die meisten Paare völlig unvermittelt.
In diese Krise geraten sowohl „Nur-Mütter“ wie berufstätige Mütter. Die „Nur-Mutter“ fühlt sich in ihrem Selbstwert herabgesetzt. Sie hat ihren Beruf „geopfert“, hat zu Gunsten der Kinder finanzielle Nachteile auf sich genommen und wird nun noch bestraft, in dem sie ins gesellschaftliche Abseits gestellt wird. Die berufstätige Mutter sieht sich in die Zwangsjacke der Doppelbelastung gesteckt. „Nur-Mutter“ will sie auf keinen Fall sein, sei es, weil sie das nicht ausfüllt (zu langweilig, wie Mütter sich ausdrücken) oder weil sie nicht auf die Karriere verzichten möchten oder weil ihre soziale Lage so ist, dass sie mitverdienen muss. Damit kommt es zu einem Zielkonflikt zwischen voller gesellschaftlicher Teilhabe und Fixierung auf die Hausfrauen- und Mutterrolle. So fühlen sich beide Mütter überfordert, während der Mann als Vater sich still und leise davon schleicht (der „abwesende Vater“ wie er in der Vaterforschung bezeichnet wird). Der Anspruch, Familie und Karriere unter einem Hut zu bringen, richtet sich einseitig nur an die Frau. In häuslichen Krisensituationen wird von ihr erwartet, dass sie den Beruf der Familie unterordnet, egal, welche Schwierigkeiten ihr dadurch entstehen.
In diese Situation hinein erfolgt nun die Forderungen von Familienforschern, Sozialwissenschaftlern und Politikern nach dem Gleichzeitigkeitsmodell.
Was ist damit gemeint?
Da Erwerbstätigkeit mit über die Zuordnung zu gesellschaftlichen Gruppen und damit über den sozialökonomischen Status von Personen und Familien entscheidet und der Beruf mehr und mehr Lebenssinn und das Empfinden des Gebraucht-Werdens entscheidet, wird eine Aufgabenteilung von Mann und Frau in Beruf und Familie gefordert. Die Forderung lautet nach mehr Gleichzeitigkeit bei stärkerem familiärem Engagement der Väter, also paritätische Gestaltung von Erwerbs- und Familienarbeit. Dies ist allerdings nur möglich, wenn auf dem Erwerbssektor eine stärkere Berücksichtigung auf die Familie genommen wird und Mann und Frau einer Teilzeitarbeit nachgehen können. Davon ist die Wirtschaft allerdings noch weit entfernt.
Die Bundesregierung hat inzwischen einen entscheidenden Schritt in diese Richtung getan. Das Bundeskabinett beschloss (am 29. 03. 2000) eine Neuregelung des Erziehungsgeldes und Erziehungsurlaubs. Der Kernpunkt dieses Gesetzentwurfs sieht vor, dass Eltern nicht nur mehr Erziehungsgeld bekommen, sondern künftig auch gemeinsam Erziehungsurlaub nehmen können. Erstmals haben Eltern sogar ein Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit, wenn sie in Betrieben mit mehr als 15 Beschäftigten arbeiten. Mit der Neuregelung will die Bundesregierung erreichen, dass sich mehr berufstätige Väter an der Erziehungsarbeit beteiligen. Bisher haben weniger als zwei Prozent der Väter Erziehungsurlaub in Anspruch genommen.
Die Entwicklung in diese Richtung scheint also nicht mehr aufzuhalten zu sein.
So formuliert die Politikwissenschaftlerin Fritzen-Herkenhoff als anzustrebende Zielvorstellung: „Optimal wäre das Projekt Familie dann, wenn Polarität komplementär und paritätisch gelebt werden kann. Dreh- und Angelpunkt ist einerseits die angemessene Integration der Mütter in den Erwerbssektor, andererseits die Integration der Väter in den Familienalltag, die Familienarbeit, das Familienleben.“ 1.3 Veränderte Kindheit
Am deutlichsten hat sich die Einstellung zum Kind geändert. Dieser Einstellungswandel zum Kind hat nicht nur privaten Charakter, sondern auch strukturelle Ursachen mit erheblichen gesellschaftlichen Folgen. Es gibt zu wenig Kinder angesichts steigender Lebenserwartung. Der Generationenvertrag scheint nicht mehr zu funktionieren. Das Verhalten gegenüber Familien und Kindern hat sich in einer kinderentwöhnten Gesellschaft stark verändert. Es ist nicht mehr „normal“ Kinder zu haben, sondern es bedarf eines bewussten Einstellungs- und Entscheidungsprozessen mit der Abwägung von Vor- und Nachteilen, die ein Kind mit sich bringt. Mit der Entscheidung für das Kind gibt es eine Reihe von Hindernissen oder Hürden zu überwinden wie: Neuorganisation des Alltags, Umgang mit ökonomischen Einschränkungen, Aufbau neuer Freundschaften und vor allem ein neues geschlechtsspezifisches Miteinander. Eine Schlüsselrolle dabei spielt die Frage der Berufstätigkeit der Frau.
Mit der Geburt des ersten Kindes kommt es zu einem erheblichen Einschnitt im ehelichen Miteinander. Wir können geradezu von zwei biographischen Etappen sprechen: dem „Leben vor dem Kind“ und dem „Leben nach dem Kind“. Das „Leben vor dem Kind“ ist in der heutigen Ehe so gestaltet, dass sie kaum noch etwas gemeinsam mit dem „Leben nach dem Kind“ zu tun hat. Bevor das Kind kommt ist das Ehepaar in der Regel Doppelverdiener, alles dreht sich um die eigene Selbstverwirklichung. Urlaubs- und Freizeitgestaltung sind auf die eigenen Bedürfnisse und Interessen ausgerichtet, ebenso das Konsumverhalten. Mit der Geburt des Kindes kommt es oft zu einem radikalen Einschnitt: Die Frau muss weitgehend auf persönliche Freiheiten verzichten, der Mann nimmt sich das Recht heraus seinen bisherigen Lebensstil weiterzuführen und die Ehekrise ist vorprogrammiert.
Aber auch die Kindheit hat sich stark verändert. In der Regel werden die Kinder mit materiellem Wohlstand überschüttet. Auch wenn der materielle Wohlstand im Kinderzimmer sichtbar wird und die vielfältigen Unterhaltungsangebote der Medienwelt die Kindheit bestimmen, bleibt die Eltern-Kind-Beziehung von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung des Kindes. Eine „Konsumkindheit“ ersetzt nicht ein geordnetes und von Liebe und Geborgenheit bestimmtes Familienleben. Trotz allem Überfluss an Wohlstand, wird die Kindheit oft begleitet vom Entzug oder einer Überdosierung von Elternliebe und von einer massiv von Medien beanspruchten Zeit. Die Armut der Kindheit zeigt sich heute an anderen Stellen als früher. Zu nennen sind: die Verarmung der Gesprächskultur, Rückgang der geistig-sozialen Grundorientierung, Verlust an Eigenständigkeit und Kreativität durch Konsum und Medienwelt, Erfahrungswelt „aus zweiter Hand“, verlorene unbeschwerte Kindheit durch Professionalisierung der Freizeit u.a.m.
Führen und Anleiten als Ausdruck einer bewusst wahrgenommen Erziehung tritt immer mehr zurück zu Gunsten von „Wachsen- und Gewährenlassen“. Dadurch nimmt das norm-orientierte Erziehungsverhalten immer mehr ab und das ich-orientierte Selbst- und Weltverständnis nimmt mehr zu. Erzogen wird nach Gesichtpunkten der privaten Nützlichkeit, nicht aber nach übergeordneten Erziehungszielen. Erziehung besteht weithin aus „Aushandeln“ und nicht aus „Vorgaben“. Das hängt wiederum mit der Autoritätsfrage zusammen. Es herrscht eine große Unsicherheit in der Ausübung von Autorität. Dadurch kommt es bei vielen Eltern statt zu einem Erziehungsverhältnis zu einem Beziehungsverhältnis zum Kind. Das Kind wird zum Partner.
Die Familie ist - wie die Darlegungen zeigen - einem starken Wandlungsprozess unterworfen. Dieser Wandlungsprozess ist noch im vollen Gang. Die Merkmale dieses Wandels sind vielfältig: Entkoppelung von Liebe und Ehe, Ehe und Elternschaft, biologische und soziale Elternschaft, rückläufige Eheschließungen und Zunahme anderer Lebensformen, Rückgang der Geburten, steigende Scheidungsraten, durchschnittlich höheres Alter der Mütter bei der Geburt des ersten Kindes, veränderte Eltern-Kind-Beziehung, der Wandel in der Elternrolle, die Angleichung der Geschlechter, die Zunahme der Alleinerziehenden und die immer häufiger, mehr oder weniger bewusste Entscheidung für ein Leben ganz ohne Kinder.
Die Auswirkungen dieses Wandels auf das Familienleben.
Mit der Pluralisierung des Lebens, die ja die ganze Gesellschaft erfasst hat (nicht nur die Familie), gingen auch Werte verloren, die für das menschliche Zusammenleben von entscheidender Bedeutung sind.
Ich möchte sieben Verluste nennen:
Verlust an Tradition
Was es sicherlich früher zu viel gab und oft wie eine Fessel wirkte, gibt es heute zu wenig. Tradition hat durchaus auch eine positive Seite. Der Mensch braucht, um sein Leben gestalten zu können, bestimmte Vorgaben an denen er sich orientieren kann. Das menschliche Leben ist auf modellhaftes (vorbildliches) Leben und Handeln angewiesen. Als soziales Wesen braucht das Kind ein geordnetes Umfeld in das es hineinwachsen kann und das ihm Muster und Halt gibt, um später, als erwachsener Mensch, sein Leben verantwortlich zu gestalten.
Eine pluralistische Gesellschaft kennt keine eindeutigen Vorgaben oder Muster, sondern eine Vielzahl. Jeder einzelne und jede Familie muss selber beurteilen, nach welchen Leitbildern sie leben möchte. Die Folge ist, dass der Mensch – so und das Kind - unter einem ständigen Druck lebt, sich entscheiden zu müssen. Diesen Druck nennen die Soziologen Individualisierungsdruck. Stress, fehlendes Geborgenheitsgefühl, Einsamkeit, das Gefühl eingeengt zu werden, sind typische Kennzeichen einer fehlenden Tradition.
Verlust an Bindung
Ein Kind braucht, um eine gesunde Persönlichkeitsstruktur zu entwickeln, eine fest Ordnung und feste Beziehungspersonen (Liebe). Ordnung und Beziehung gehören zusammen. Die Beziehung füllt die Ordnung mit Leben. Fehlt die gelebte Beziehung, hat es negative Auswirkungen für das Kind. Das Kind braucht Ordnung (Regel) und Beziehung, um Vertrauen aufzubauen, um dadurch die Fähigkeit zu entwickeln sich zu binden. Der Verlust an Bindung, als typisches Kennzeichen des modernen Menschen, ist die Folge des auseinanderbrechenden Familienlebens. Verlust an Bindung aber bedeutet auch Verlust an Gemeinschaft und Zusammenhalt, also Treue. Die Folge ist egoistisches Verhalten.
Verlust an Geborgenheit
Mit dem Verlust an Tradition und Bindung verliert das Kind auch Geborgenheit. Die Sehnsucht nach Geborgenheit und Nestwärme ist heute sehr groß. Fehlende Geborgenheit aber führt zur Unzufriedenheit. Unzufriedenheit wiederum macht das Leben unruhig und unstetig. Man jagt nach Glück und findet es nicht. Das fehlen der Geborgenheit zeigt sich auch darin, dass das Familienleben sich weithin auf wohnen, essen und fernsehen reduziert. Sozialpsychologen sprechen inzwischen von Familie als Möbelgemeinschaft, Boxenstop und Mikrowellenbeziehung. Die heutige Kleinfamilie wird weitgehend nur noch durch emotionale Beziehungen zusammengehalten. Solange diese einigermaßen funktionieren, bleibt man zusammen, geht die emotionale Beziehung verloren, bricht die Familie auseinander. Die Kinder ziehen aus, die Eltern lassen sich scheiden.
Verlust an Identität
Damit sprechen wir den kritischsten Punkt des modernen Lebens an: die Identitätskrise. Identitätskrise bedeutet, dass der Mensch sich seiner selbst nicht mehr sicher ist. Wer bin ich eigentlich? Der Sozialpsychologe Ulrich Beck schreibt in Blick auf diese Unsicherheit: „Das Gesetz lautet: Ich bin ich, und dann: ich bin Frau. Ich bin ich, und dann: ich bin Mann. In dieser Distanz zwischen Ich und zugemuteter Frau, Ich und zugemuteten Mann klaffen Welten“. Damit ist auch die Vater- und Mutterrolle in Frage gestellt. Viele Frauen können sich nicht mehr mit der Mutterrolle identifizieren und noch mehr Männer mit der Vaterrolle. Der Verlust an Mütterlichkeit und Väterlichkeit führt zu einer veränderten Eltern-Kind-Beziehung.
Die Beziehungen zwischen Eltern und Kinder sind meistens nur noch funktional. Jeder hat seine Funktion, die es wahrzunehmen gilt. Funktioniert ein Glied nicht, kommt es zu Konflikten und Beziehungsschwierigkeiten.
Verlust an Werten
Der Verlust an Tradition und Bindung hat einen Werteverlust zur Folge, der wiederum die Identitätskrise verstärkt. Eine multikulturelle, multireligiöse und pluralistische Gesellschaft kann keine einheitlichen Werte hervorbringen. Es fehlt die „Norm-Autorität“ (Wolfgang Brezinka). Dieser Verlust wiegt schwer, weil ein gesellschaftlicher Konsens in ethischen und sozialen Fragen kaum noch möglich ist. Was dem einen heilig ist, ist dem andern unzumutbar. Hier klaffen besonders stark Anspruch und Wirklichkeit auseinander. Der Anspruch lautet: Der Mensch soll ehrlich, verantwortlich, treu, verlässlich etc. sein, aber die Wirklichkeit sieht anders aus. So lange man nicht erwischt wird, darf man lügen, betrügen, untreu sein, unverantwortlich handeln etc.
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Verlust an Kommunikation
Der Alltag der Kinder ist heute nicht mehr kindgemäß, besonders in den Städten. Fehlende Spielmöglichkeiten führen zur mangelnden motorischen Entwicklung. Fernsehen, Gameboys und Computer haben negative Auswirkungen auf die Sprachentwicklung, weil die Kinder kaum noch kommunizieren, stattdessen aktiv schweigen. Ein Viertel aller Kinder von dreieinhalb bis vier Jahren ist in ihrer Sprachentwicklung zurückgeblieben, bilanziert Manfred Heinemann, Direktor der Klinik für Kommunikationsstörungen an der Universität Mainz. Ende der 70er Jahre waren es nur 4 Prozent. Eltern müssen darum mehr Anregungen für Kinder schaffen, indem sie sich mehr Zeit zur Kommunikation nehmen, Freundschaften mit Gleichaltrigen fördern, mit den Kindern spielen und vor allem das Wochenende dazu nutzen miteinander etwas zu unternehmen, damit die Kinder kommunikativ und motorisch gefördert werden. Laufen, Springen, Balancieren, Hüpfen, Lachen, Klettern, Toben, Diskutieren, miteinander Probleme wälzen, über etwas gemeinsamen nachdenken u.a.m. sind heute gefordert.
Verlust an Autorität
Viele Eltern leiden unter Autoritätsproblemen. Der Umgang mit Autorität gehört aber zum zentralen Thema des Familienlebens. Da es in einer demokratischen Gesellschaft, die pluralistisch aufbaut ist und individualistisch verantwortet wird, keine festgelegte Autoritätsstruktur gibt, sind die Eltern auf sich gestellt. Ohne Autorität können Werte, Normen und Grenzziehungen im Familienleben nicht umgesetzt und Absprachen nicht eingehalten werden.
Im Alltagleben haben sich familiale Bewältigungsstrategien herausgebildet, die einen unterschiedlichen Umgang mit Autorität verdeutlichen. Viele Eltern haben, was Autorität angeht, geradezu eine Lücke. Sie nehmen ihre Autorität gar nicht wahr. Die Kinder machen darum mehr oder weniger was sie Wollen. Die Eltern-Kind-Beziehung ist gekennzeichnet von fehlendem Vertrauen. Das Kind verinnerlicht langfristig kein Wertesystem und ist darum abhängig von der Umwelt die es prägt.
Andere Eltern lösen die Autoritätsfrage durch ein ständiges Wechselbad der Gefühle. Mal drohen sie, dann lassen sie wieder alles laufen; mal strafen sie, dann sind sie wieder großzügig. Daraus spricht eine große Hilflosigkeit. Diese Kinder kommen mit dem wechselvollen Autoritätsverhalten der Eltern nicht zu recht. Auch hier entwickelt sich kein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Eltern und Kind. Diese Kinder orientieren sich in ihrem Verhalten in der Regel ebenfalls an der Umwelt, besonders an der Gleichaltrigengruppen (Peers).
Wieder andere Eltern verfügen zwar über eine gewisse Autorität, aber die zeichnet sich darin aus, dass sie ihr Kind ständig in Schutz nehmen. Sie bagatellisieren das kindliche Fehlverhalten und nehmen das Kind stets in Schutz. Das Kind gilt als „unschuldig“ oder es wurde „von anderen verführt“, weil „ihr Kind so etwas nie machen würde“. Darum gibt es auch keine Sanktionen für das Fehlverhalten. Diese Eltern sehen das Kind in der Regel als Opfer einer „bösen“ Welt. Auch bei diesen Eltern erhält das Kind nicht die nötige Orientierung, die es zu einer stabilen und gesunden Persönlichkeitsentwicklung braucht. Fehlverhalten ist geradezu vorprogrammiert.
In Familien mit einem autoritären Verhaltensmuster verfügen zwar die Eltern über ein hohes Maß an Autorität, aber das Kind ist nicht in der Lange sich mit Problemen und Schwierigkeiten auseinander zusetzen. Entweder passt sich das Kind vollständig dem elterlichen Willen an oder es rebelliert und bricht aus. Wieder kommt es nicht zu einem gesunden Eltern-Kind-Verhältnis auf der Basis gegenseitigen Vertrauens. Eltern mit autoritärem Erziehungsstil kontrollieren in der Regel das Kind, weil sie ihm misstrauen. Das Kind reagiert ebenfalls mit Misstrauen und versucht auf dem Wege der Verheimlichung Dinge zu tun, die die Eltern verbieten.
Was sind die Folgen dieser Verluste?
Die Folgen dieser Verluste sind vielfältig. Sie zeigen sich in der Unfähigkeit sich zu binden (z.B. in der Ehe, verbindliche Mitarbeit in der Gemeinde etc.), Verhaltensauffälligkeiten (eingehen von frühen Freundschaften, Antriebsschwäche, Hyperaktivität, Resignation, Unsicherheit, Unzufriedenheit etc.), psychischen Störungen (Minderwertigkeitsgefühle, Depression, Kontaktprobleme, Aggression, Gewalt ) und vor allem in der Zunahme von Süchten (Alkohol, Drogen, Medikamente). Fasst drei Viertel der sieben- bis elfjährigen Grundschulkinder leiden unter Stress. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von Arnold Lohaus von der Universität Marburg. Der Terminkalender dieser Kinder ist voll. Spannungskopfschmerzen, Migräne, Lern- und Konzentrationsschwierigkeiten, Überforderung in der Schule gelten als Stresssymptome. Immer mehr Kinder werden mit Psychopharmaka behandelt. Nach dem Bericht des Berufsverbandes der Ärzte für Kinder-Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (BKJPP) in Aachen sind rund eine Million Kinder und Jugendliche in Deutschland psychisch krank oder in ihrer Entwicklung gestört, d.h. sie zeigen Verhaltensauffälligkeiten. Als Hauptursache nennt die BKJPP Vorsitzende Christa Schaff, dass die Kinder mit den vielen neuen Einflüssen nicht zurechtkommen, weil die Eltern, durch Doppelbelastung von Beruf und Familie, immer weniger ihrer Aufgabe an den Kindern nachkommen.
So können wir zusammenfassend sagen:
Lügen, Stehlen, Leistungsverweigerung, Daueraggressivität, Quälsucht, Alkoholmissbrauch, Drogenabhängigkeit, Passivität, Depression u.a.m. haben ihre Mitursache in negativen Einflüssen in der frühen Kindheit, d.h. in einer nicht intakten Familie und nicht gelungenen Erziehung.
Die Aufgabe das Familienleben zu gestalten
Die Familie ist die Voraussetzung für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung des Kindes. Damit ein Kind sich gesund entwickeln kann, gilt es auf die folgenden Merkmale in der Gestaltung des Familienlebens zu achten:
Familie heißt: einen Lebensraum schaffen
Die Familie gehört zur Schöpfungsordnung Gottes. Gott will die Familie. Gott will, dass die Familie ein Ort der Gemeinschaft, des Schutzes und der Erziehung ist. (1Mos 1,27.28a.31a) Das neugeborene Kind ist so beschaffen, dass es ohne Familie (die Sozialpsychologen und Verhaltensforscher sprechen vom „sozialen Mutterschoß“) nicht lebensfähig ist. Eltern sind durch nichts zu ersetzten, auch nicht durch andere Beziehungspersonen. Kinder brauchen Vater und Mutter, die auch Vater und Mutter sind, die sich um die Kinder ihrem Alter entsprechend kümmern, damit die Kinder Vertrauen aufbauen können. Die Familie ist wie ein sicherer Schutzraum in dem das Kind sich geborgen weiß. Es gilt darum das Familienleben ganz bewusst zu gestalten und sich für diese Gestaltung genügend Zeit zu nehmen.
Eph.4,17-20 kann uns dabei eine Hilfe sein. Wenn wir dort lesen, dass wir unser Leben bewusst gestalten und nicht wie die Heiden in den Tag hineinleben sollen, dann ist das ein klarer Auftrag. Damit die Lebensgestaltung gelingt, gilt es sein Denken zu erneuern, von Jesus zu lernen und das Leben einzuüben und.
Familie heißt: ein Zuhause geben
Jede Familie hat ein bestimmtes Familienklima. Das Familienklima ist sehr entscheidend für die Entwicklung des Kindes. Herrscht ein raues oder herzliches Klima, Gefühlskälte oder Gefühlswärme, ein verschlossenes oder offenes Miteinander? Das Familienklima ist auch darum so wichtig, weil die rauen Winde des gesellschaftlichen Umfelds das Kind gefährden. Die Frage des Klimas ist eine Frage des menschlichen Miteinanders, besonders das der Ehe. Herrscht zwischen den Eheleuten dicke Luft überträgt sich diese unweigerlich auf die ganze Familienatmosphäre. Voraussetzung für ein gemütliches Zuhause ist eine gut funktionierende Ehe. Ehepaare sollten sich darum viel Zeit nehmen, um an ihrer Ehebeziehung zu arbeiten. Eine gute Ehe hat drei Faktoren, die ständig gepflegt und erneuert werden müssen: (1.) Zeit füreinander (emotionale Zuwendung und Zärtlichkeit), (2.) Gespräch (Kommunikation und damit Lernbereitschaft) und (3.) Vergebungsbereitschaft (Bereitschaft, immer wieder neu anzufangen).
Kinder wollen Eltern, die sich lieben, die in Einheit leben und mit den Kindern das Leben teilen. Für dieses Zuhause sind die Eltern zuständig, die Geborgenheit vermitteln, Sicherheit geben und vor allem Wärme ausstrahlen. Wärme hat mit Gefühl zu tun. Die meisten Entwicklungsprozesse laufen beim Kind über das Gefühlsleben. Darum ist es wichtig, dass die Gefühle des Kindes akzeptiert werden, Raum haben, sich zu entfalten und in richtige Bahnen gelenkt werden. Gefühlskälte, gleich welcher Art, hat immer negative Folgen. Früher sprach man vom Gemüt. Wir brauchen in der Erziehung eine Gemütspflege oder biblisch gesprochen eine Herzenserziehung. Das Herz aber ist ein sehr umfassender Begriff und enthält Verstand, Gefühl, Wille, Empfinden, Intuition und Affekt. Es ist wichtig zu wissen, dass Werthaltungen im Leben des Menschen ihre Verankerung nicht im Intellekt, sondern im Gemüt haben. Eine gesunde Gemütserziehung ist die beste Voraussetzung für eine gesunde Werthaltung. Eine Erziehung der Gemütspflege ist sehr vielfältig und umfasst alle Lebensbereiche: lachen und weinen, freuen und trauern, spielen und arbeiten, sprechen und schweigen, singen und schreien, wandern und träumen, diskutieren und aufeinander hören, streiten und schimpfen, ärgern und trotzen, beleidigt sein und sich versöhnen, feiern und ausgelassen sein u.v.a.m. Der große Pädagoge Comenius (1592-1670) sprach von einer Erziehung, die Kopf, Hand und Herz, d.h. Geist, Seele und Leib umfasst.
(Phil 2,1-5; 4,6-9) -
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Familie heißt: Beziehungen aufbauen und pflegen
Zu den wichtigsten Aufgaben der Eltern gehört es, eine emotionale Bindung zum Kind herzustellen und zu pflegen. In der Entwicklungspsychologie spricht man von Bindungsprägung und Bindungsverhalten. Das eingehen solch einer Bindung ist die Voraussetzung für die Identitätsfindung, ein gesundes Selbstwertgefühl und die Fähigkeit selber später im Leben Bindungen einzugehen (z.B. Ehe, Mitarbeit in der Gemeinde etc.). Eine fehlende Bindungsprägung hat darum weitreichende Auswirkungen im emotionalen Bereich bis ins Erwachsenenalter hinein. Zu Bindungsstörungen kann es kommen bei innerer Ablehnung des Kindes (z.B. bei ungewollter Schwangerschaft oder weil die Mutter wegen des Kindes den Beruf aufgeben musste oder weil das Kind sehr schwierig ist und viel schreit). Besonders Väter tun sich darin schwer eine Bindung zum Kind aufzubauen. Eine Bindung wird durch emotionale Zuwendung gebildet, sowohl durch körperliche Zuwendung wie auch durch emotionale und kognitive, d.h. also die Beschäftigung mit dem Kind dem Alter entsprechend. Das menschliche Miteinander verläuft nicht in lauter Harmonie. Es kommt zu Spannungen, Streit, Aggression bis hin zur Gewalt. Konflikte gehören zum Leben und sollten nicht unter den Teppich gekehrt werden. In der Familie kann man lernen Konflikte auszuhalten, auszutragen und zu lösen. Damit spreche ich sicherlich einen der schwierigsten Punkte im Familienleben an. Da unser Leben voller Konflikte, Auseinandersetzungen und Streit ist, bedarf es der Vergebung und Versöhnung. Der Apostel Paulus schreibt: „Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus“. (Eph.4, 32)
Familie heißt: Werte vermitteln
In einer pluralistischen Gesellschaft gibt es keine einheitlichen Werte mehr. Es ist für Eltern darum wichtig, ihrem Kind die Werte zu vermitteln, die sie für bedeutsam und wertvoll halten (z.B. Werte wie die Bibel sie lehrt). Ein Kind wird ohne Werte geboren. Alles was es an sittlichen Werten annimmt, ist anerzogen. Damit gewinnt das Vorleben/Vorbild der Eltern ein entscheidendes Gewicht. Das Kleinkind ahmt jegliches Verhalten nach. Dieses Nachahmverhalten bildet die Grundlage für die Wertevermittlung. Ein Kind schaut alle Werthaltungen von den Eltern ab: Achtung der Menschenwürde, Achtung der Person, Umgang mit Besitz, Höflichkeit, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Opferbereitschaft, Ehrenamtliche Mitarbeit, Liebe zu Gott und seinem Wort, Gebet, Glaube, soziale Einstellung u.a.m. Das Lehren von Werten ist dann erfolgreich, wenn die Werte durch das Leben gedeckt sind. Bei der Vermittlung von Werten wird es nicht ohne Konflikte abgehen. (Eph 6,1-4)
Familie heißt: Glauben leben
Kein Mensch kann der Frage nach der Transzendenz des Lebens ausweichen. Er kann diese Frage verdrängen oder verschieben, bewusst ablehnen oder sich ein eigenes Weltbild zimmern. Wichtig ist es für die Eltern zu wissen, dass das Kind seine erste Gotteserfahrungen über die Eltern macht. Wollen Eltern ihr Kind zum Glauben führen, dann müssen sie das Kind in ihre Gottesbeziehung und in ihr Glaubensleben mit hineinnehmen und es mit einbeziehen. Das Kind muss den Glauben der Eltern im Alltag erleben. Darüber hinaus ist es wichtig eine christliche Tradition (Ritual) zu entwickeln. Dies kann nicht früh genug geschehen. Eine Abendandacht mit dem Kind beginnt nicht erst mit dem vierten oder sechsten Lebensjahr, sondern mit der Geburt. Dabei ist es ganz wichtig, dass der Vater mit einbezogen wird. Singen, beten und erzählen, später kommt eine Geschichte dazu und wenn die Kinder größer sind, werden sie an der Andacht beteiligt. Von Augustin stammt das Wort: „Das Leben der Eltern ist das Buch, in dem die Kinder lesen“. Dieses Buch können die Kinder von Geburt an lesen. Darum ist es wichtig für Eltern: Belehrung und Leben müssen übereinstimmen. Ein Sprichwort lautet: Hüte dich vor Menschen, die Wein predigen und Wasser leben! (2Kor 3,1-6; 4,6; Phil 1,27)
Familie heißt: Leben einüben.
Unser Lebensrhythmus hat sich stark verändert. Die moderne Lebenswelt kennt keine geregelten Abläufe. Es ist darum wichtig, dass jede Familie ihren Rhythmus und ihre Tradition findet. Was bedeutet das für das Familienleben?
- Eine Familie braucht einen geregelten Tagesablauf.
Das ist alles andere als selbstverständlich. Aufstehen und zu Bett gehen sind in den meisten Familien ein Problem geworden. Viele Eltern finden abends keine Ruhe, weil das 5jährige Kind um acht Uhr noch im Wohnzimmer herumtollt. Feste Zeiten sind hier wichtig, natürlich dem Alter angemessen. Ab dem 14. Lebensjahr muss der Jugendliche einen eigenen Rhythmus gefunden haben, aber den kann er nur finden, wenn es auch vorher ein geregeltes Leben gegeben hat. Wenn irgend möglich sollte die Familie auch geregelt Mahlzeiten einnehmen. Dies ist besonders schwierig. Aber Kinder brauchen feste Zeiten, auch Personen, die bei ihnen sind, wenn sie vom Kindergarten oder der Schule nach Hause kommen. Sie sollten beim Essen nicht allein am Tisch sitzen müssen, sondern die Gelegenheit haben von ihrem Erleben zu berichten. Der Tagesablauf muss für das Kind durchschaubar sein. Das Kind muss wissen woran es ist. D.h. die Regeln müssen einsichtig und verständlich sein. Es muss wissen, wann es nach Hause kommen soll und wann es Essen gibt und wann es was zu erledigen hat. Der Tagesschluss ist für ein Kind besonders bedeutsam. Bevor das Kind zu Bett geht, sollte die Familie in einer gemütlichen Atmosphäre den Tag ausklingen lassen. Singen, einen Rückblick auf den Tag halten, miteinander sprechen, Jesus für alles Gute danken und das Misslungene oder Schwere in ein Gebet fassen und Gott abgeben. Solch eine Tagesabschluss gibt Geborgenheit und lässt das Kind im Frieden einschlafen.
- Das Wochenende in der Familie
Das Wochenende sollte in besonderer Weise dem Familienleben gewidmet sein. Vieles, was im Laufe der Woche nicht möglich ist, kann jetzt gepflegt werden.
Dazu gehören:
- Zeit zum gemeinsamen Essen,denn es zählt zu den wichtigsten Ereignissen innerhalb der Familien.
- Zeit, um miteinander zu spielen:
Hier ist besonders der Vater gefragt. Das miteinander Spielen ist für die Wertevermittlung von Bedeutung (Fairness, Regeln einhalten etc.).
- Zeit, um miteinander zu arbeiten:
Diese Zeiten sind knapp geworden und doch ist es wichtig, dass solche Zeiten gesucht und erlebt werden. Zum Leben gehört auch, dass man Pflichten hat und diese auch verantwortlich wahrnimmt.
- Zeit, um miteinander zu feiern:
Kinder lieben Feste. Eltern sollten ganz bewusst mit den Kindern feiern.
- Zeit, um miteinander die Freizeit zu genießen:
Der Alltag ist oft von Stress und Hektik gekennzeichnet. So bietet sich das Wochenende geradezu an, dass Eltern sich bewusst mehr Zeit für die Kinder nehmen und in gemeinsamen Unternehmungen die Freizeit gestalten und genießen. Für die Kinder ein besonderes Erlebnis von bleibender Bedeutung.
Die Kleinfamilie – so ist aus meinen Ausführungen zu entnehmen - ist eigentlich zu klein und zu schwach, um den Herausforderungen, die der gesellschaftliche Wandel und Veränderungen in der Familie mit sich gebracht haben, alleine zu bewältigen, das gilt auch für die angesprochene Familiengestaltung. Die Familie darf in dieser Beziehung nicht alleine gelassen werden. Vielmehr geht es darum nach Wegen zu suchen, wie Hilfen geschaffen werden können.
Darum:
- Wir brauchen Familien, die bewusst ihre Häuser öffnen und andere Familien, besonders Alleinerziehende, an ihrem Leben teilnehmen lassen, die bereit sind das Leben zu teilen.
Vgl. Apg 21,4-7.15; Phil 2,2; Röm 12,3; Röm 16,2.23; Hebr 13,2
- Wir brauchen Gemeinden, die familienfreundlich sind. Gemeinden, die nicht Forderungen an die Familie stellen oder Älteste, die dann in Aktion treten, wenn das Familienleben nicht mehr ihren biblischen Normen entspricht, sondern die sich der Familien annehmen und Eltern und Alleinerziehenden helfen, ihr Leben zu gestalten.
- Wir brauchen übergeordnete Lebensgemeinschaften (Familiengruppen), die sich gegenseitig helfen und beistehen. Familien sollten sich zusammenschließen und ihre Fragen und Probleme besprechen und gemeinsam zu bewältigen suchen.
Dies sind nur einige wenige Hinweise die es zu beachten gälte, ebenso wie ich nur einige Segmente des Wandels im Familienleben darstellen konnte, aber es wäre schon viel geholfen, wenn wir diese beachten und entsprechende Schlussfolgerungen daraus ziehen würden.
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