Im Sog von Megatrends

Aus LZA - Materialhilfen

Es ist immer wieder gut, wenn wir uns als Christen Gedanken über die Zeit machen, in der wir leben. Als "Kinder dieser Zeit", sind wir vom Wort Gottes aufgefordert, uns nicht dem Denken und den Lebensgewohnheiten unserer Zeit anzupassen (Eph 2,2; Röm 12, 1-2). Das ist aber leichter gesagt als getan. Nicht umsonst mahnt der Apostel Paulus eindringlich: "Dies nun sage und bezeuge ich im Herrn: auf keinen Fall gestaltet euer Leben wie die Heiden es tun in ihrem vergänglichen Denken" Eph 4,17. Um aber das Leben anders zu gestalten als es vom nichtchristlichen Denken her üblich ist, müssen wir uns zuerst im klaren sein, was im Augenblick für das Denken und Handeln unserer Zeit typisch ist.

Die größte Welteinheitsideologie ist zusammengebrochen

Die weltpolitische Lage hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Die größte Welteinheitsideologie des Sozialismus/Kommunismus, die dieses Jahrhundert geprägt hat, ist vor unseren Augen zusammengebrochen. Wir wurden Augenzeugen eines Jahrhundertereignisses. Was kaum einer für möglich hielt, ist eingetroffen. Die demokratisch-freiheitliche Gesellschaftsordnung hat über die kollektivierende Staatsdiktatur, die freiheitliche Ordnung über die Diktatur gesiegt.

Inhaltsverzeichnis

Leben in einer pluralistischen Gesellschaft

Die entscheidende Herausforderung einer pluralistischen Gesellschaft besteht nun darin, dass der Mensch aufgefordert ist, selbstverantwortlich zu handeln und das Leben zu gestalten.

Um das aber tun zu können, müssen wir uns über das Wesen einer pluralistischen Gesellschaft im Klaren sein. Nur dann können wir erkennen, wo wir bereits angepasst leben. In einer pluralistischen Gesellschaft gibt es kein vorgeschriebenes Weltbild, keine vorgeschriebenen Ideologien, keine verbindlichen Werte und Lebensauffassungen. Die Philosophen sprechen von einer "offenen Gesellschaft", die Soziologen von einem "Wertepluralismus". Die Aufgabe des Staates besteht darin, die Vielfalt des gesellschaftlichen Lebens zu ermöglichen und die Rechte des einzelnen Menschen zu schützen (Rechtsstaat). Im Blick auf unseren Lebensalltag stellt sich die pluralistische Gesellschaft so dar: Ein unbegrenztes Angebot an Lebensmöglichkeiten, an Modellen, Vorstellungen, Grundsätzen und Lebensauffassungen unterschiedlichster Art stehen gleichberechtigt neben einandner. Der Mensch steht ständig vor Herausforderungen und Entscheidungen. Die Werbung macht ihm alles schmackhaft und paradiesisch, ob es sich dabei um weltanschauliche, religiöse oder materielle Produkte handelt, ist eigentlich gleichgültig. Wichtig ist, dass der Mensch gewonnen wird.

Damit stehen wir vor einer wichtigen Erkenntnis: Pluralistische Ordnung ist notwendigerweise Wettbewerbsordnung, auch um ethische Standpunkte und Wertentscheidungen. Das ist eine Tatsache, der wir uns stellen müssen. Hier einige Beispiele, um das zu verdeutlichen:

  • Homosexualität steht neben Heterosexualität
  • Ehe steht neben offener Partnerschaft
  • Abtreibung neben Wertschätzung des Lebens

Eine pluralistische Gesellschaft erfordert darum von Christen eine bewusste und eindeutige Lebensgestaltung.

Es gilt, sich für das eine und gegen das andere zu entscheiden, ein Ja und auch ein Nein zu sagen, Prioritäten zu setzen. Um das zu können, braucht es Maßstäbe und Werte und eine klare Lebenshaltung. Nun wissen wir, dass der Mensch (auch der Christ) dazu neigt, sich treiben zu lassen. In einer pluralistischen Gesellschaft gibt es Trends, die eine besondere Sogwirkung haben und die Masse mitreißen. Wir können heute drei solche Megatrends beobachten:

Drei wesentliche Megatrends

Der Individualismus

Der Individualismus ist gekennzeichnet von der Überbetonung der Interessen der Einzelmenschen. Der Pluralismus fördert (und fordert) den Individualismus. Im Mittelpunkt des Denkens und Handelns steht der einzelne Mensch mit seinem Recht, seiner Freiheit, seinen Interessen und Ansprüchen, auch wenn es auf Kosten der Gemeinschaft geht. Wir können diesen Trend sehr deutlich in der Haltung der Menschen in Ost und West bei der Wiedervereinigung erkennen. Alle sprechen von der Notwendigkeit des Opfers und des Verzichts, die es zu bringen gilt, aber keiner ist bereit, auch nur den geringsten Verzicht zu leisten. Verzichten sollen immer nur die anderen. Das ist eine typisch individualistische Haltung. Alles wird am eigenen Ich, am eigenen Ergehen gemessen. Die Sozialpsychologen sprechen von einem Wandel, der sich vollzogen hat: Von der Nächstenliebe zur Selbstliebe. Die eigenen Bedürfnisse und Interessen haben absoluten Vorrang vor den Interessen und Bedürfnissen der Gemeinschaft. Herrschte im Sozialismus das Kollektiv über die Einzelperson, so lebt im Pluralismus der Einzelne auf Kosten der Gesellschaft.

Als Christen müssen wir uns fragen, inwieweit wir dem Trend des Individualismus bereits gefolgt oder gar verfallen sind: Herrscht bei uns nicht auch der Individualismus, nur dass er fromm angestrichen ist?

Ich verweise nur auf den Lebensstil, unseren Umgang in Ehe und Familie und auf die Erziehung. Lebt da nicht jeder seinen eigenen Stiefel? Rechtfertigen wir unseren Individualismus nicht mit: "Das muss jeder selber vor Gott verantworten"? Wäre es da nicht an der Zeit, sich an diesem Punkt einzugestehen, dass wir dem Zeitgeist mehr verfallen sind als es uns lieb ist?

Der Hedonismus

Hedonismus kommt vom Griechischen und bedeutet soviel wie Glücks- und Luststreben. Es ist die Jagd nach Vergnügen, Unterhaltung, Lustgewinn, Wohlstand, und alles möglichst sofort. Das Streben des Menschen ist weithin ein einziges Jagen nach Glücksgewinn. Dies mag bei jedem anders aussehen, bei dem einen sind es mehr ideelle, bei dem anderen mehr materielle Werte, bei dem einen weltanschaulich oder religiös gebunden, bei dem anderen rein situationsbezogen, um seinem augenblicklichen Zustand zu entkommen. Von allen Seiten wird uns in schillernden Farben Glück verheißen, ob es das Geldinstitut mit seinem Kreditwesen, der Autohändler mit dem Leasingangebot, die Freizeitindustrie, die Werbespots oder die Sekten und Heilslehren mit ihren Zukunftsvisionen sind: Alle versprechen Wohlstand, Glück und Lustgewinn.

Wir müssen uns fragen, wie weit diese Haltung auch uns Christen bestimmt. Verzicht, Opfer, Selbstüberwindung, Disziplin, Ordnung u.ä. gehören schon längst zu den Negativbegriffen in christlichen Kreisen. Verzicht wird mit Einengung, Selbstdisziplin mit Gesetzlichkeit gleichgesetzt.

Natürlich hat das oft seinen Grund in einer falschen Erziehung. Aber müssen wir uns nicht auch fragen, wie weit wir unseren Lebensstil dem allgemeinen Trend ausgesetzt haben, ohne dass wir uns dessen bewusst sind?

Der Rationalismus

Unter Rationalismus verstehen wir die einseitige Überbetonung der Vernunft. Die Vernunft wird zum Kriterium für die Wahrheit. Was ich nicht erklären kann und was mir nicht einleuchtet, ist auch nicht existent. Von daher steht die Wissenschaft so hoch im Kurs, werden viele Lebensbereiche und Lebensangebote als "wissenschaftlich" gekennzeichnet, ob es um die transzendentale Meditation oder um die biologisch-dynamische Landwirtschaft geht, um die neuesten Erkenntnisse über den Stress, die Psychotherapie, das Ozonloch, oder ob es sich um Schlafstörungen, Essverhalten, Wohnkultur, Partnerschaft u.v.a.m. handelt. Was die Wissenschaft sagt, ist wahr. Unsere Kinder werden in den Schulen einseitig rational getrimmt. Daran ändert auch die augenblickliche Welle mit der Suche nach dem Übernatürlichen nicht viel (sog. neue Religiosität). Der heutige Mensch lebt in zwei Welten: der rational erklärbaren, und der irrationalen, der Befriedigung der Emotionen und Lebenssüchten dienenden!

Wir brauchen ein erneuertes Denken

Auch als Christen müssen wir uns fragen, wie weit wir dem Rationalismus verfallen sind, wie weit wir unseren Glauben rein rational begründen und damit der Vernunft angepasst gestalten. Gerade wenn es um die Vernunft geht, stehen wir vor der Frage, worin sich das christliche Denken vom nichtchristlichen unterscheidet. Nicht umsonst ruft uns Paulus auf, unser Denken erneuern zu lassen (Röm 12,2;Eph.4,23). Das erneuerte Denken und ein Leben aus der Fülle des Heiligen Geistes gehören eng zusammen. In Gal. 5,16 lesen wir:" Gestaltet euer Leben aus dem Geist und ihr werdet das Begehren des Fleisches nicht erfüllen". Einige Verse später verdeutlicht Paulus das, wenn er schreibt: "Wenn wir im Geist leben, dann wollen wir auch in der Übereinstimmung mit dem Geist unser Leben gestalten" (griech. stoicheo = übereinstimmen, im Einklang sein, in Reih und Glied marschieren). Wir fragen: Was können wir einer pluralistischen Gesellschaft mit ihrer individualistischen, hedonistischen und rationalistischen Lebensauffassung entgegensetzen? Wollen wir das überhaupt ? Dazu reichen Appelle und Einzelaufrufe nicht aus. Hier gilt es, erst einmal festzustellen (und sich dann auch ehrlich einzugestehen), wo wir selber, unsere Kreise und Gemeinden dem Zeitgeist im frommen Gewand verfallen sind.

Wenn wir so tun, als wäre der Zeitgeist überall am Werk, nur nicht an uns selbst, machen wir uns selber etwas vor. Erst wenn wir selber erkennen, dass diese drei Trends zu unserem eigenen Lebensstil geworden sind, werden wir eine Kursänderung vornehmen können.

Wir sind zum Handeln gerufen

Das Wort Gottes fordert uns zur Lebensgestaltung auf. Sehr treffend beschreibt Paulus die Frage der Lebensgestaltung in Eph.4,17-24. Nur soweit es uns gelingt, in unseren Familien und Gemeinden eine übergreifende Lebensordnung zu gewinnen, werden wir auch Einfluss auf die Gesellschaft und unseren Staat mit seiner Gesetzgebung nehmen können. Eine pluralistische Gesellschaft braucht Menschen und Gruppen, die Verantwortung übernehmen. Wer nicht handelt, wird behandelt. Die Aufgabe der Lebensgestaltung ist aber nicht die Aufgabe der Einzelnen (individualistische Sichtweise), sondern Aufgabe der ganzen christlichen Gemeinde (der Einzelne ist darin überfordert). Nur wenn sich die Gemeinde vor Ort und in ihr einzelne Christen zusammenschließen und diese Aufgabe anpacken, wird es gelingen, Zeichen zu setzen und ein verbindliches, modellhaftes Leben zu führen, das Auswirkungen auf unsere Gesellschaft hat (Kol.4,5; 1.Petr. 2,12). Hören wir noch einmal Gottes Wort: "Achtet sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben gestaltet, nicht wie Unweise, sondern als Weise" Eph.5,15.

Eine pluralistische Gesellschaft fordert uns geradezu auf, die Frage der Lebensgestaltung in Angriff zu nehmen.

Fragen zum Nachdenken

  1. Überprüfen Sie Ihre Lebenshaltung in Blick auf individualistische, hedonistische und rationalistische Tendenzen. Wie zeigen sie sich und wie wirken sie sich auf das Miteinanderleben aus?
  2. Versuchen Sie, mit anderen über die Frage einer Lebensgestaltung nachzudenken. Was gehört alles dazu? Wie können Sie sich gegenseitig dabei helfen?
  3. Wo können Sie Verantwortung übernehmen, um Einfluss in unserer pluralistischen Gesellschaft zu gewinnen? Wie kann diese Verantwortung aussehen? Achten Sie darauf, dass Sie nicht individualistisch vorgehen.

Beten und Sprechen Sie mit anderen über Ihre Entscheidungen.

Überdenken Sie ihr Gemeindeleben. Sprechen Sie im Mitarbeiterkreis über diese Fragen. Was können Sie tun, um der Frage der Lebensgestaltung mehr Gewicht zu geben?

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