Sucht bei Jugendlichen
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| Wichtige Anmerkung: Der Autor bringt hier einen sehr guten Beitrag zum Thema "Sucht bei Jugendlichen". Dem Leser sei aber gesagt, dass dieser Beitrag bereits ein paar Jahre alt ist. Inhaltlich macht das nichts, jedoch haben sich Statistiken und Entwicklungen geändert. Dies ist gerade bei genannten Zahlen zu bedenken. --Mkl 10:09, 3. Jan 2007 (CET) |
Vorbemerkung
Die Gemeinde Jesu lebte seit ihren ersten Anfängen als Teil der Gesellschaft. Sie übte zu jeder Zeit Einfluss auf die Gesellschaft aus und wurde zu jeder Zeit von der Gesellschaft geprägt, da ihre Mitglieder immer Teil der jeweiligen Gesellschaft waren. Von daher war es zu jeder Zeit so, dass die Herausforderungen und Probleme der Gesellschaft immer auch Herausforderungen für die Gemeinde und ihre Seelsorgearbeit waren.
Eine unter vielen Herausforderungen in der gegenwärtigen Gemeindearbeit ist das Thema „Sucht bei Jugendlichen“.
Das Anliegen einer christlichen Jugendarbeit ist es, junge Menschen für Jesus zu gewinnen, mit ihm in Verbindung zu bringen und damit in die Freiheit zu führen. Von daher muss ein Ziel der Jugendarbeit sein, Jugendliche vor anderen Abhängigkeiten zu schützen, oder wo eine Abhängigkeit besteht, Hilfe anzubieten, diese zu überwinden.
Für uns stellen sich deshalb folgende Fragen:
- In welchem Umfeld lebt der heutige Jugendliche?
- Welche Entwicklung macht der Jugendliche durch?
- Welche Ursachen kann es haben, dass Jugendliche in Abhängigkeit und Sucht geraten?
- Welche Erscheinungsformen von Süchten gibt es?
- Welche Hilfen sind möglich, aus Sucht befreit zu werden?
Die postmoderne Gesellschaft
Der Begriff Postmoderne tauchte zunächst in der Architektur auf. Um den Stil der Moderne zu ‚brechen’ wurden dort moderne Elemente mit Elementen der Klassik, bzw. der Romantik kontrastartig nebeneinandergestellt.
Der heutige Gebrauch des Begriffs reicht jedoch weit über die Architektur hinaus. In vielen Bereichen, z.B. in der Gesellschafts-, Kultur- und Zeitanalyse wird der Begriff der Postmoderne verwandt.[1]
Der Begriff der Postmoderne in der Gesellschaftsanalyse beschreibt die Gesellschaft nach der Moderne, dabei ist festzustellen, dass der allgemeine Fortschrittsglaube der Moderne durch einen allgemeinen „Skeptizismus“ und „Unwert“ abgelöst wurde. Die Postmoderne muss deshalb als Folge der Krise der Moderne verstanden werden.[2] Die postmoderne Gesellschaft ist davon geprägt, dass sie keine allgemeingültigen Werte setzt und keine Orientierung vermitteln kann, die allgemeingültigen Charakter für die Gesellschaft haben. M. Printz spricht von einer „Orientierungs- und Wertekrise“, die charakteristisch für die postmoderne Gesellschaft ist. Er beschreibt Merkmale dieser Krise.[3]
Der Normenpluralismus
Die postmoderne Gesellschaft ist gekennzeichnet durch einen breiten Pluralismus an Leitbildern und Normen. Es gibt keine gemeinsamen Leitbilder und Normen, die für die gesamte Gesellschaft verbindlich sind. Stattdessen konkurrieren unzählige Ideologien, Weltanschauungen und Religionen mit ihren jeweiligen Normen gegeneinander. Dem Einzelnen wird nicht eine Norm vorgegeben, an die er sich zu halten hat, sondern er ist herausgefordert, aus den verschiedensten Angeboten auszuwählen.[4]
Dieser Normenpluralismus fordert den Einzelnen ständig heraus, sich neu zu orientieren und zu entscheiden.
Der Mensch in der postmodernen Welt ist daher weitgehend orientierungslos. W. Brezinka spricht gar von einer „schweren Orientierungskrise, deren Ausgang ungewiss ist.“[5] Er bezeichnet sie als „eine Krise der Überzeugung von dem was Wert hat, was anzustreben und was abzulehnen, was höher und was niedriger zu bewerten, was vorzuziehen und was zurückzustellen ist. Sie äußert sich bei den einzelnen Menschen durch Unsicherheit des Wertbewusstseins und der Werteinstellung. Sie äußert sich beim Zusammenleben durch Uneinigkeit über die grundlegenden Normen und über eine gemeinsame Rangordnung der Güter.“[6]
Dieser Normenpluralismus bestimmt auch die Religiosität des postmodernen Menschen. Dabei ist Religion und Glaube in der Postmoderne reine Privatsache, er hat sich nicht in das gesellschaftliche Leben einzumischen.[7] Diese Faktoren beeinflussen auch die Seelsorgearbeit der Gemeinde nachhaltig.
Der gesellschaftliche Wertewandel
„Untersuchungen haben ergeben, dass ab Mitte der 60er Jahre eine Verschiebung von ‚Pflicht- und Akzeptanzwerten’ (wie Treue, Fleiß, Pünktlichkeit, Höflichkeit, Anpassungsbereitschaft, Disziplin, Ordnung, Leistung, Opfer, etc.) hin zu ‚Selbstentfaltungswerten’ (Eigenständigkeit, Selbstverwirklichung, Emanzipation, Gleichberechtigung, Autonomie, etc.) erfolgt ist. Der Schwerpunkt der erstgenannten Werte liegt auf Forderungen an sich selbst, der der zweiten auf Ansprüche und Forderungen an andere.“[8] Der Mensch ist überhaupt nicht, oder nur in sehr beschränktem Maß bereit, sich in Gemeinschaften ein- und unterzuordnen, bzw. Autoritätsforderungen anzuerkennen.[9]
Dieser Wandel hat starke Auswirkungen auf Familie, Arbeit, Glaube, die Gesellschaft als Gesamtes.[10]
Der postmoderne Mensch lebt zudem in einem Wertepluralismus. „Die Wertevielfalt ist nicht sein Problem. Polarität gehört zu seinem Selbstverständnis. Er kann Gegensätze ohne weiteres vereinen.“[11]
Wenn wie oben erwähnt, seit den 60er Jahren die Werte im Umbruch sind, ergibt sich daraus ein Konflikt zwischen der alten- und der jungen Generation.
Überhaupt muss man sagen, dass sich die Merkmale der Postmoderne erst bei der jüngeren Generation voll durchgesetzt haben. Trotzdem sind alle Merkmale, mehr oder weniger abgeschwächt, in der gesamten Gesellschaft wahrnehmbar.[12]
Die soziale Entkoppelung und Individualisierung
Die Folge des Normenpluralismus und des gesellschaftlichen Wertewandels ist die sog. soziale Entkoppelung. Speck versteht unter sozialer Entkoppelung „ein kritisch zu beurteilendes Loslösen von Verhaltensstilen, von Personen oder von sozialen Gruppen aus einem lebensfördernden, humanen (normativen) Zusammenhang oder Kontext. Eine entkoppelte Einheit ist eine sozial isolierte Einheit“[13] Soziale Entkoppelung kann man auch als Individualisierung bezeichnen.[14] R. Lempp spricht gar von der „autistischen Gesellschaft“[15]. Sie ist geprägt von einer konsequenten „Ich-Kultur“[16].
Dabei wird das Tun ausschließlich am eigenen „Ich“ gemessen. Das Ich steht im Mittelpunkt, es ist der einzige Orientierungspunkt an dem sich das gesamte Tun ausrichtet.
Man kann sagen, dass sich die Interessen des Einzelnen in der gesamten westlichen Welt völlig weg vom „Wir“ hin zum „Ich“ entwickelt haben. Der Alltag des Einzelnen, die persönlichen Lebensgestaltung, Musik, Kleidung, etc. wird von jedem selbst bestimmt. Gemeinschaftliche Aktionen werden oft als Einschränkung der persönlichen Freiheit empfunden. Die Bereitschaft, sich in eine Gemeinschaft einzuordnen und Autorität anzuerkennen wurde total geschwächt.[17] Nur weil dem anderen etwas wichtig oder wertvoll ist, muss es das für den anderen noch lange nicht sein.
Auch im Bereich der Partnerschaft hat der Individualismus große Umwälzungen mit sich gebracht. Jeder möchte das tun was ihm gefällt und Vorteile bringt. Freiheiten die man alleine genossen hat, möchte man wegen einem Partner nicht aufgeben. Das eigene Ich steht auch in der Partnerschaft im Mittelpunkt. Das Wir-Denken ist auch hier weitgehend verlorengegangen.[18]
In all diesen Entwicklungen sah man nur die ‚Vorteile’ der persönlichen Freiheit. Zu wenig wurde beachtet, dass der Mensch in Gemeinschaft, wie sie z.B. in der Familie gegeben ist, inneren Halt und Sicherheit findet.[19] Soziale Bindungen und Verpflichtungen, wie sie in der Familie vorhanden sind, die zwar einerseits Aufgabe und Bindung beinhalten, andererseits aber auch Heimat und Geborgenheit vermitteln, sind für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung des Einzelnen notwendig.
Von daher besteht die Gefahr, dass der postmoderne Mensch in seiner Entwicklung kein Empfinden an Geborgenheit, Heimat, Gruppenbindung, Verantwortlichkeitsempfinden für andere, etc. entwickelt. Zudem breitet sich eine immer größer werdende Bindungsunfähigkeit aus.[20] Für Einzelnen wie auch für die Gesellschaft als Ganzes stellt dies ein nicht zu unterschätzendes Defizit dar.
Der Einzelne wird durch den ausgeprägten Individualismus um die stützenden Verbindlichkeiten des Umfelds beraubt. Es gibt keine, oder nur sehr wenige von der Tradition bestimmte gesellschaftlichen Entwicklungslinien und traditionelle Bindungen, die für den Einzelnen verbindlich sind. Er genießt einerseits völlige Freiheit, andererseits muss er sich auch in der totalen Freiheit zurechtfinden. Es gibt keine vorgegebenen Bahnen, eine Vielzahl von Entscheidungsmöglichkeiten stehen zur Auswahl, da unzählige Optionen zu Verfügung stehen.
Die Verantwortung für das Leben ist nicht auf die vielen Schultern des Familienverbandes verteilt, sondern muss komplett vom Einzelnen getragen werden. Das gesamte Leben muss komplett selbstständig entworfen werden. Viele Menschen sind damit überfordert.[21]
Die Identitätskrisen
All diese Entwicklungen haben Auswirkungen für die Identitätsbildung. „Die mannigfachen Abschwächungs- und Verfallserscheinungen, das Vermissen überzeugender Autorität, der Mangel an glaubwürdigen Vorbildern und die verunsicherte Orientierung an äußeren Verhaltensnormen und oberflächliche Interessen erschweren die Identitätsbildung des heranwachsenden Individuums, führen vielmehr in eine mit Ich-Schwäche, Angst und Desorientierung verknüpfte Identitätskrise hinein.“[22] Für den Einzelnen wird es immer schwerer, seine Identität zu finden. „Sozialwissenschaftler sprechen bereits von der (...) Patchwork-Identität.“[23] Die Identität ist nicht mehr die Übereinstimmung von Selbstbild und Fremdbild, sondern ist abhängig von der jeweiligen sozialen Gruppe, in der sich der Einzelne aufhält. Man passt seine Identität dem jeweiligen Umfeld an. Die Folgen sind jedoch Orientierungslosigkeit, Verunsicherung, Überforderung. Der Mensch steht in einer permanenten Identitätskrise, weil er seine Identität der jeweiligen sozialen Gruppe anpasst und daher selbst nicht weiß, wer er eigentlich ist.[24]
In diesem gesellschaftlichen Klima muss sich der Jugendliche orientieren und zurechtfinden. Für viele eine große Herausforderung, für manche auch eine Überforderung.
Der Jugendliche in der Pubertät
Als wären die gesellschaftsbedingten Herausforderungen nicht schon genug, strömen zusätzlich die Herausforderungen der Pubertät auf den Jugendlichen ein. Für eine seelsorgerliche Arbeit unter Jugendlichen ist es unbedingt notwendig, diese besondere Zeit im Leben des Menschen genau zu beobachten, damit Jugendliche in der Seelsorge angemessene und effektive Hilfe erfahren.
Wenn sich der junge Mensch langsam aus der Welt des Kindes verabschiedet, um sich auf den spannenden Weg in die Erwachsenenwelt aufzumachen, ist dies mit vielen umwälzenden Veränderungen verbunden. Der junge Mensch befindet sich in einer Umbruchzeit. „Das, was bisher war, ist nicht mehr, davon löst er sich und das, was er werden soll, ist noch nicht.“[25] Diese Übergangszeit ist mit einer körperlichen und psychosozialen „Reifekrise“[26] verbunden. Diese Krise beinhaltet zwei Brennpunkte.[27]
- Die Auseinandersetzung mit sich selbst: Es kommt zu starken emotionalen Spannungen, das Gefühlsleben hat viele Facetten und ist oft durch Chaos geprägt. Stichworte wie Nervosität, Phobien, Ängste, Depression, niedriges Selbstwertgefühl, Schüchternheit, Orientierungslosigkeit, innere Zerrissenheit, verringerte Konzentrationsfähigkeit etc. gehören zum Alltag des Pubertierenden. Diese Dinge sind bis zu einem bestimmten Grad normal, können aber auch krankhaft werden.
- Die Auseinandersetzung mit der Umwelt: Die starken emotionalen Spannungen haben auch Auswirkungen auf den Umgang des Jugendlichen mit seiner Umwelt. Mangelnde Beherrschung der Gefühle, Aggressivität, antisoziales Verhalten, sich verweigern, Verschlossenheit etc. gehören zum Alltag des Jugendlichen.
Diese Krise und die Suche nach der eigenen Identität verunsichert den Jugendlichen so stark, dass er nicht in der Lage ist, sich selbst zu umschreiben. Er ist vorerst nur in der Lage, sich negativ abzugrenzen und all das abzulehnen, was ihm in der Kindheit wichtig war. Er wendet sich entschieden von der Kindheit ab und tritt gleichzeitig in den Protest gegenüber der Erwachsenenwelt, die ihn mit ihren Forderungen, Normen und Ansprüchen scheinbar zu erdrücken droht.[28] Oft versucht der Pubertierende, mit seinem äußeren Erscheinungsbild dem Protest Ausdruck zu verleihen. Er möchte durch Kleidung, Gestik, Vokabular, Benehmen etc. deutlich machen, dass er kein Kind mehr ist, aber auch kein gewöhnlicher, langweiliger, spießiger Erwachsener.[29] Der Pubertierende ist in seinem Protest ständig auf der Suche nach dem Neuen. Neues fasziniert ihn, treibt ihn an und verführt ihn auch manches mal zu Handlungen, die er eigentlich, von der Vernunft her, ablehnen würde. In diesem Zusammenhang bekommen auch Experimente mit Drogen einen faszinierenden Reiz. Aber nicht schon das einmalige Herumexperimentieren mit einer Droge macht den Jugendlichen süchtig. Entscheidend ist, ob sich ein einmaliges Experiment wiederholt und allmählich zur Gewohnheit wird.
Ursachen, die zur Sucht führen können
Worin liegen die Ursachen, dass ein Teil der Jugendlichen die krisengeschüttelte Zeit der Pubertät überstehen, ohne dabei in ein Suchtverhalten oder eine Abhängigkeit zu geraten und ein anderer Teil nicht so resistent ist und stattdessen die Pubertät den Beginn einer „Suchtkarriere“ markiert?
Wortbedeutung Sucht
Aber zuerst wollen wir die Bedeutung des Wortes „Sucht“ klären.
Das Wort „Sucht“ wird nicht von „suchen“ abgeleitet, sondern von „siech/siechtum“, d.h. krank/Krankheit. „Sucht bezeichnet einen zwanghaften Drang, sich bestimmten Reizen auszusetzen oder bestimmte Verhaltensweisen auszuführen und dadurch subjektiv befriedigende Gefühle oder Zustände zu erleben.“[30]
Betont werden muss die Tatsache, dass bei einer Sucht ein zwanghafter Drang vorliegt. Der Betroffene kann also nicht ohne weiteres frei entscheiden, ob er diesem Drang nachgibt, oder sich widersetzt.
Weichenstellungen in der Kindheit [31]
Kinder und Jugendliche werden nicht aus heiterem Himmel süchtig. Sucht hat immer eine Vorgeschichte. Eltern können gerade dann am wirksamsten einer späteren Suchtgefährdung ihrer Kinder vorbeugen, wenn sie eigentlich denken, dass Drogen und Sucht noch gar nichts mit ihrem Kind zu tun hat. Für Kinder ist es wichtig, dass sie ein geborgenes Umfeld haben, in dem sie viele kleine Schritte in ein unabhängiges Leben einüben können. Diese Schritte sind wichtige Übungen, um in der Pubertät von den vielen Optionen und Wahlmöglichkeiten, die das Leben bietet, nicht überrollt zu werden. Eltern müssen im frühen Alter ihrer Kinder das Fundament legen, damit ihre Kinder ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln, konfliktfähig werden, den Sinn und die Freude am Leben entdecken und das Gefühl bekommen, die anstrengenden Abschnitte des Lebens sind willkommene Herausforderungen. Denn Jugendliche haben in der Pubertät eine Vielzahl von Entwicklungsaufgaben zu erledigen.[32] Nicht selten scheinen die Anforderungen die eigene Kraft zu übersteigen. Wege zur Entlastung werden gesucht. An diesem Punkt zeigt sich, ob ein Jugendlicher schon von Kindheit an gelernt hat, richtig mit Belastungen umzugehen.
Den einen gelingt es, Enttäuschungen auszuhalten und Rückschläge wegzustecken. Sie versuchen es noch einmal, suchen neue Wege, gehen Konflikten und Problemen nicht aus dem Weg, sondern versuchen, die Herausforderungen der Pubertät anzupacken. Diese Jugendlichen experimentieren vielleicht mal aus Neugierde mit der einen oder anderen Droge herum, aber eine ernsthafte Suchtgefährdung dürfte bei den meisten dieser Jugendlichen nicht vorliegen.
Jugendliche, die in der Kindheit dagegen nicht gelernt haben, mit Herausforderungen, Konflikten und Enttäuschungen umzugehen, werden es in der konfliktreichen Zeit der Pubertät schwerer haben. Sie fühlen sich schnell überfordert und sind gefährdet, die Herausforderungen des Lebens nicht entschieden genug anzupacken oder neigen dazu, ihnen ganz auszuweichen. Der Griff zu Suchtmitteln, die Ablenkung und Entspannung versprechen, liegt nahe. Denn Berührungspunkte mit Drogen gibt es in diesem Alter zu Genüge. Es ist auffällig, dass Jugendliche, deren Aufgaben immer die Eltern für sie erledigt haben und denen alle Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt wurden, sehr oft unter Drogenabhängigen vertreten sind.
Die Vorbildfunktion der Eltern
Der Lebensstil der Eltern trägt mit dazu bei, dass Jugendliche Suchtmitteln entweder reserviert entgegentreten oder als selbstverständlichen Bestandteil des Lebens betrachten. Die Vorbildfunktion des Erziehers ist von ungeheurer Wichtigkeit. Nur was vorgelebt wird, erzieht und wer vorlebt, kann erziehen. Suchtprävention muss deshalb neun Monate vor der Geburt der Kinder anfangen. Eltern sollten sich Gedanken darüber machen, wie sie mit den „alltäglichen“ Suchtmitteln, wie Nikotin, Alkohol oder auch mit Medikamenten umgehen.
Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass Kinder von suchtkranken Eltern extrem gefährdet sind, selbst suchtkrank zu werden.[33] Wenn die Eltern drogenabhängig sind, entscheiden sich die Kinder manchmal für einen völligen Verzicht darauf. Häufiger jedoch, und das sind 40-60%, folgen sie dem elterlichen Vorbild.[34] Es ist logisch, dass es für Jugendliche schwierig ist, zu Suchtmitteln nein zu sagen, wenn sie sehen und erleben, dass ihre Eltern diese konsumieren.
Erscheinungsformen von Süchten
Der heroinspritzende Jugendliche, der Drogentote, der auf der Bahnhofstoilette gefunden wurde - Bilder, die den meisten von uns vor Augen stehen, wenn es um das Thema Sucht geht. Diese Extrembeispiele spiegeln aber nur einen kleinen Teil der Suchtwirklichkeit wieder. Sucht bedeutet nicht nur Drogenabhängigkeit. Sucht kann viele Formen und Auswirkungen haben. Das Suchtproblem in unserer Gesellschaft ist sehr vielschichtig und vor allem auf den ersten Blick oft nicht sichtbar.
Wenn wir nun die Erscheinungsformen von Süchten betrachten, müssen wir zwischen zwei Arten von Abhängigkeit unterscheiden.
Körperliche Abhängigkeit[35]
Körperliche Abhängigkeit ist das Ergebnis eines längerfristigen Prozesses und entsteht durch die Gewöhnung des Organismus an ein bestimmtes Suchtmittel. Mit der Zeit „verträgt“ der Körper immer mehr des jeweiligen Suchtmittels. Um eine gleichstarke Wirkung zu erzielen, muss der Abhängige mit der Zeit die Dosis steigern. Der Körper kann durch solch eine Gewöhnung an ein Suchtmittel immer höhere Mengen verarbeiten. Dies kann sogar soweit gehen, dass der Körper ohne weiteres Mengen verarbeiten kann, die für einen Normalmenschen tödlich sind.
Wird das Suchtmittel abgesetzt, treten körperliche Entzugserscheinungen auf. Diese können sich durch Schmerzen am ganzen Körper, Durchfall, Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Zittern, Frieren, Schweißausbrüchen etc. äußern. Die körperliche Abhängigkeit kann bei den meisten Suchtmitteln relativ schnell überwunden werden, so wie sich der Körper an ein Suchtmittel gewöhnt, kann er auch wieder entwöhnt werden.[36] Körperliche Entzugserscheinungen können aber auch im Extremfall lebensbedrohlich werden, vor allem wenn ein Süchtiger von mehreren Stoffen abhängig ist. In solch einem Fall sollte ein Entzug unbedingt unter ärztlicher Aufsicht in einer Klinik durchgeführt werden.
Nach einem Entzug, auch Entgiftung genannt, baut sich die Gewöhnung des Körpers an die hohe Menge des Suchtmittels ab. Bei einem Rückfall ist die Gefahr groß, dass sich der Süchtige eine tödliche Überdosis verabreicht, da der Körper nicht mehr an die großen Mengen des Suchtmittels gewöhnt ist.
Psychische Abhängigkeit
Der entscheidende Knackpunkt bei einem Suchtverhalten ist die psychische Abhängigkeit. Sie besteht in dem zwanghaften, unbezwingbaren Verlangen, ein Suchtmittel ständig und wiederholt einzunehmen. Die Abhängigkeit entsteht in einer Art Lernprozess, in dem der Abhängige den Stoff so in sein Leben „integriert“ hat, dass er ihn als „Lebenskrücke“[37] in seinem Alltag braucht. Das Suchtmittel hilft, das seelische Gleichgewicht des Abhängigen zu halten, verschafft Entspannung und Wohlbefinden, hilft, Unlustgefühle abzubauen, Stimmungstiefs und schlechte Laune besser zu überwinden. Es ist erwiesen, dass nicht die körperliche, sondern die psychische Abhängigkeit eines Süchtigen der entscheidende Faktor ist, um ein Suchtverhalten aufrecht zu erhalten.[38] Psychische Abhängigkeit ist bei allen Formen von Suchtverhalten gegeben.
Stoffgebundene und stoffungebundene Sucht[39]
Süchte werden eingeteilt in stoffgebundene und stoffungebundene Sucht. Zu den stoffgebunden Süchten zählen Alkoholsucht, Nikotinsucht, Medikamentensucht, sowie alle Arten von Drogensüchten. Der Abhängige bindet sich an ein bestimmtes Suchtmittel, das er konsumiert. Bei den meisten dieser Suchtmittel ist neben der psychischen auch eine körperliche Abhängigkeit möglich.
Zu den stoffungebundenen Süchten zählen Magersucht (Anorexia nervosa), Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa), Fettsucht (Adipositas), Spielsucht, Arbeitssucht, Sexualsucht, Kaufsucht, Kleptomanie. Hier ist der Abhängige nicht an einen bestimmten Stoff gebunden, sondern seine Sucht besteht in einem zwanghaften, abnormalen Verhalten. Bei dieser Art von Sucht ist keine körperliche Abhängigkeit vorhanden, dafür aber oft eine um so stärker psychische.
Suchtmittel, ihre Wirkungsweise und Gefahren
Legale Suchtmittel[40]
Alkohol
- Formen: Alkoholische Getränke mit unterschiedlichem Alkoholgehalt.
- Art der Einnahme: Trinken.
- Wirkung: Hebt die Stimmung, wirkt entspannend, steigert das Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein, entweder heiteres oder gereiztes und aggressives Auftreten, Verlust der Kontroll- und Steuerungsfähigkeit (torkeln, lallen), nachlassen der Konzentration, verminderte Reaktionsfähigkeit.
- Gefahren: Psychische und körperliche Abhängigkeit, Alkoholvergiftung bei Überdosis, Schädigung der inneren Organe (z. B. Leber, Gehirn, Nervensystem) Persönlichkeitsveränderungen, im fortgeschrittenen Stadium Delirien und Wahnvorstellungen.
Nikotin
- Formen: Zigaretten, Zigarren, Feinschnitt-Pfeifentabak, Schnupftabak, Kautabak.
- Art der Einnahme: Rauchen, schnupfen, kauen.
- Wirkung: stimulierende oder beruhigende Wirkung auf das zentrale Nervensystem, Gefühl der Souveränität, bei hohem Konsum gegenteilige Wirkung, Lähmung von Nerven, Verengung der Blutgefäße.
- Gefahren: Psychische und körperliche Abhängigkeit, Durchblutungsstörungen der Herzkranzgefäße und äußeren Gliedmaßen durch Verengung und Verkalkung der Blutgefäße, erheblich erhöhtes Krebsrisiko.
Aufputschmittel
- Formen: Tabletten, Kapseln, Tropfen.
- Art der Einnahme: Trinken, schlucken, evtl. spritzen.
- Wirkung: Je nach Medikament und Dosis leistungs- uns stimmungssteigernd, Rededrang, Einschränkung der Kritikfähigkeit und Konzentration, auch euphorische und ekstatische Gefühle, vereinzelt Psychosen und Sinnestäuschungen.
- Gefahren: Schnelle psychische und körperliche Abhängigkeit, anfangs wird die Leistungsfähigkeit gesteigert, auf Dauer führen sie zu Schlaflosigkeit, Unrast, vereinzelt zu Wahnvorstellungen, der Körper muss abends mit Schlafmitteln beruhigt werden, es entsteht ein Teufelskreis.
Schlaf- und Beruhigungsmittel
- Formen: Tabletten, Kapseln, Tropfen.
- Art der Einnahme: Trinken, schlucken, evtl. spritzen.
- Wirkung: Je nach Medikament und Dosis vorübergehend endspannende, beruhigende, schlaffördernde Wirkung, Unterdrückung von Angstgefühlen und Krampfanfällen.
- Gefahren: Schon nach kurzer Zeit psychische und körperliche Abhängigkeit, häufig „low-dose-dependence“ (Abhängigkeit von einer kleinen Dosis, die aber über sehr lange Zeiträume stetig eingenommen wird), Angstzustände, Depressionszustände.
Schmerzmittel
- Formen: Tabletten, Kapseln, Tropfen.
- Art der Einnahme: Trinken, schlucken, Zäpfchen, teilweise spritzen oder rauchen.
- Wirkung: Schmerzstillend, anregend, manchmal euphorische Wirkung.
- Gefahren: schnelle psychische Abhängigkeit, vereinzelt körperliche Abhängigkeit.
Schnüffelstoffe
- Formen: Lösungsmittel, Farben, Klebstoffe, Reinigungsmittel, Sprays, vereinzelt auch Benzin.
- Art der Einnahme: Inhalieren der Dämpfe.
- Wirkung: Phasenartige Wirkung: Zuerst Übelkeit, Kopfschmerzen, Atemnot, dann Veränderung der Wirkung in höhere Empfänglichkeit für optische und akustische Eindrücke, Sinnestäuschungen, Gefühl der Schwerelosigkeit, dann Schlaf bis hin zur Bewusstlosigkeit.
- Gefahren: Erhebliche psychische Abhängigkeit und körperliche Abhängigkeit, akute Gesundheitsgefahren wie Bewusstlosigkeit, Atemlähmungen mit Todesfolge, Verätzung der Atemwege, spastische Lähmungen, starke Organschäden, bei längerem Konsum Verblödung.
Illegale Suchtmittel[41]
Cannabis
- Formen: Marihuana: Getrocknete und zerkleinerte, harzhaltige Pflanzenteile (Blattspitzen und Knospen) des indischen Hanfs.
- Haschisch: Von der Hanfpflanze gewonnenes Harz, meist gepresste Platten mit bestimmter Färbung. Grün – grüner Türke, rot – roter Libanese, braun – brauner Marokkaner, schwarz – schwarzer Afghane.
- Haschischöl: Dunkelgrünes oder dunkelbraunes klebriges Öl.
- Art der Einnahme: Mit Tabak gemischt rauchen, als Tee trinken, essen.
- irkung: Alle Sinneswahrnehmungen werden intensiver, besonders Farb- und akustische Wahrnehmung, Entspannung, verändertes Raum- und Zeitgefühl.
- Gefahren: Bei längerem Gebrauch kann psychische Abhängigkeit eintreten, Beeinträchtigung der Konzentrationsfähigkeit, Gefahr eines „flash-backs“[42].
Ecstasy (XTC)
- Formen: Meist in Tablettenform, vereinzelt als Gelatinekapseln oder als Pulver in Papiertütchen abgefüllt.
- Art der Einnahme: Schlucken.
- Wirkung: sehr unterschiedlich, nicht vorhersehbar, oft aufputschend.
- Gefahren: Psychische Abhängigkeit, je nach Inhaltsstoff auch körperliche Abhängigkeit, Gefahr der Überhitzung und Austrocknung des Körpers, ungewisse Zusammensetzungen beinhalten unberechenbare Risiken.
LSD
- Formen: Chemischer Wirkstoff, wird auf Trägersubstanz aufgetragen (Zuckerstückchen, Löschpapier, Filzstückchen, Papierbildchen), Tabletten, Kapseln.
- Art der Einnahme: Schlucken, lutschen, kauen.
- Wirkung: Starke Halluzinationen, Verstärkung von positiven und negativen Gefühlen (horror-trip), Wahrnehmungsverschiebungen, Veränderung des Bewusstseins.
- Gefahren: Psychische Abhängigkeit, Gefahr eines „flash-backs“, Psychosen können zum Ausbruch kommen, bei längerem Konsum Veränderung der Persönlichkeit.
Kokain
- Weißes Pulver.
- Art der Einnahme: Schnupfen, spritzen, schlucken.
- Wirkung: Stark aufputschend, Gefühle werden intensiv wahrgenommen, Abbau von Hemmungen, Selbstüberschätzung, Rede- und Bewegungsdrang, angeregte Sexualität, bei längerer Einnahme Verfolgungswahn, Depressionen, Halluzinationen.
- Gefahren: Bereits nach kurzer Zeit starke psychische Abhängigkeit, die Dosis muss kontinuierlich erhöht werden um gleichbleibende Wirkung zu erzielen, Schlaf- und Appetitlosigkeit, Gefahr der Herzschwäche und Atemlähmung mit Todesfolge, starke Gehirnschäden, die zur Verblödung führen können.
Crack
- Formen: Mit weiteren Zusatzstoffen zu Klümpchen verbackenes Kokain.
- Art der Einnahme: Rauchen.
- Wirkung: Ähnlich wie Kokain, schlagartiger Rauscheintritt, stark euphorischer Zustand.
- Gefahren: Ähnlich wie bei Kokain, jedoch stärker ausgeprägt, Zustände der Rastlosigkeit und Verwirrtheit.
Heroin
- Formen: Weißes bis beige-braunes Pulver, bei Hongkong-Rocks körnig wie Instant-Tee.
- Art der Einnahme: Rauchen, spritzen, manchmal schlucken oder inhalieren.
- Wirkung: Beruhigende, stark schmerzlindernde Wirkung, Unruhe und Angst werden eingeschränkt, gesteigertes Selbstbewusstsein, bei manchen Menschen hingegen ruft Heroin Unwohlsein, Unruhe und Angst hervor,
- Gefahren: Schon nach kürzester Zeit starke psychische und körperliche Abhängigkeit, Konzentrationsfähigkeit und Leistungsfähigkeit nehmen stark ab, Verminderung der Initiative, Wahnideen, Abrutschen in Kriminalität um „Stoff“ zu besorgen, bei nichtsterilen Spritzen starke Infektionsgefahr, Magen- und Darmstörungen, Herzschwäche und Atemlähmung oft mit Todesfolge, zuletzt totaler körperlicher Zerfall.
Gegenwärtige Trends[43]
In der Bundesrepublik sind zwei grundsätzliche Tendenzen festzustellen:
Einerseits nimmt der Konsum von Drogen unter Jugendlichen leicht ab, aber gleichzeitig gibt es immer mehr Jugendliche, die sehr frühzeitig einen riskanten Konsum, vor allem von Tabak, Alkohol, Cannabis und Ecstasy praktizieren.
Tabakkonsum
Der Tabakkonsum in der Bevölkerung geht langsam zurück. 1/4 der Jugendlichen sind ständige Raucher, 1/3 der 24-25jährigen sind starke Raucher. Andererseits haben in diesem Alter 50% noch nicht angefangen, regelmäßig zu rauchen, von daher kann man mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass sie keine Raucher werden.
Alkohol
Auch hier wird unter Jugendlichen im allgemeinen weniger konsumiert. Fast alle Jugendlichen haben aber Erfahrungen mit Alkohol, rund 1/3 trinkt regelmäßig am Wochenende. Die alkoholkonsumierenden Jugendlichen trinken riskanter und exzessiver. Die Hälfte der 15jährigen gaben an, schon einmal betrunken gewesen zu sein, etwa 6% der 12-24jährigen sind alkoholabhängig.
Medikamente
Es gibt keine genauen Zahlen, aber die Zahl der Kinder und Jugendlichen steigt, die regelmäßig (wöchentlich) Medikamente zu sich nehmen.
Illegale Drogen
Cannabis spielt hier die Hauptrolle, ca. 1/4 der Jugendlichen hat damit Erfahrung, etwa 13% konsumieren aktuell.
Zwischen 3-4% der Jugendlichen konsumieren Ecstasy, die Zahl der erstauffälligen Konsumenten ist gestiegen, das Durchschnittsalter der Erstkonsumenten gefallen.
Über Kokain, Crack und Heroin gibt es keine Erhebungen speziell unter Jugendlichen.
Signale für eine Suchtgefährdung[44]
Eindeutige Symptome für eine Suchtgefährdung gibt es nicht. Man sieht es einem Menschen nicht auf den ersten Blick an, ob er ein Suchtverhalten praktiziert. Manche Abhängigkeiten lassen sich über Jahre hinweg verbergen. Es gibt allerdings Anzeichen, die Anlass zu besonderer Aufmerksamkeit geben sollten, da sie auf tiefgreifende Probleme hinweisen. Solche Anzeichen können sein:
- Passivität und Unselbstständigkeit
- mangelndes Selbstvertrauen
- fehlende Bereitschaft, Konflikte durchzustehen
- geringe Fähigkeit, Probleme anzupacken
- überzogene Leistungsanforderungen von anderen oder an sich selbst
- Probleme, Kontakte zu knüpfen
Anzeichen dieser Art müssen nicht zwangsläufig zu einem Suchtverhalten führen. Sie sollten aber, vor allem bei langanhaltendem Auftreten, ernst genommen und erforscht werden, da sie den Betroffenen stark belasten.
Hilfe für Süchtige
Wenn wir nun die Hilfsmöglichkeiten betrachten, die es für Süchtige gibt, müssen wir uns zwei grundlegende Dinge vor Augen halten, die für den Erfolg einer Therapie unbedingt notwendig sind:
- Ein Süchtiger muss aus eigener Überzeugung einer Therapie zustimmen. Eine Therapie wird mit 100%iger Wahrscheinlichkeit fehlschlagen, wenn der Abhängige nur zur Therapie geschickt wurde.
- Oft jahrelange Gewöhnung an ein Suchtmittel lassen sich nicht von heute auf morgen beseitigen. Deshalb ist es möglich, dass ein erster Therapieversuch scheitert. Ein Rückfall bedeutet aber nicht automatisch, dass ein Süchtiger nicht grundsätzlich den Willen hat, aus seiner Sucht auszusteigen. Für die Begleiter eines Süchtigen ist dies sehr wichtig zu beachten. Gerade nach einem Rückfall sind sie gefordert, dem Süchtigen beizustehen und zu einem neuen Versuch zu ermutigen.
Wie kann ein Seelsorger einem Suchtkranken helfen?
Den Menschen sehen – nicht das Problem[45]
Wenn wir mit Suchtkranken in Berührung kommen, stehen wir in Gefahr, dass für uns das Suchtproblem stark im Raum steht. Wir sind von dem Problem so gebannt, dass wir versucht sind, den Menschen zu wenig zu beachten, der hinter dem Problem steht. Wenn wir einem Suchtkranken begegnen, ist es wichtig, dass wir ihn als Person sehen. Wir müssen IHN wahrnehmen, seine Persönlichkeit, sein Umfeld, seine Angehörigen, seine Alltagssituation. In der Suchtkrankenhilfe gibt es kein „Allheilrezept“, das man bei jedem Kranken in gleicher Weise anwenden kann. Jeder Fall ist anders und braucht auch eine andere, individuell an den Kranken angepasste Hilfe.
Die persönliche Beziehung[46]
Wer einem Suchtkranken helfen möchte, muss eine persönliche Beziehung zu ihm aufbauen. Um dies zu können, muss man sich bewusst machen, wie die persönliche Einstellung zu dem Betroffenen ist. Finde ich ihn liebenswert oder ist eine Antipathie vorhanden? Fragen, denen man sich ehrlich stellen sollte. Ohne Liebe ist der Einfluss auf einen anderen Menschen sehr gering, das gilt auch für Suchtkranke. Aber was heißt es, einen Suchtkranken lieben? „Liebe bedeutet: ihm unsere ganze Aufmerksamkeit zuwenden; ihn annehmen, wie er ist; ihm Wohlwollen und Wertschätzung entgegenbringen.“[47] Die meisten Abhängigen haben im Verlauf ihrer Sucht systematisch viele ihrer Beziehungen abgebrochen. Hier muss ein Gegenpol gesetzt werden, der Begleiter muss systematisch eine Beziehung zum Süchtigen aufbauen.
Liebe und Zuneigung gegenüber einem Suchtkranken besteht nicht darin, dass er von seiner Bezugsperson maßlos Hilfe und Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen kann. Suchtkranke haben ein Verhaltensmuster angelegt, in dem sie immer alles schnell, sofort und jetzt brauchen. Diese Schema muss durchbrochen werden. Aus diesem Grund muss man einem Suchtkranken bewusst Grenzen setzen. Ist ein Vertrauensverhältnis vorhanden, wird der Suchtkranke diese Grenzen mit der Zeit respektieren, annehmen und auch einhalten.
Um eine persönliche Beziehung zu einem Suchtkranken aufzubauen ist es notwendig, dass der Begleiter nicht eine Art Heldenfigur darstellt, der das ganze Leben im Griff hat. Jeder Mensch hat Schwierigkeiten, Machen, Probleme. Es geht nicht darum, „über“ dem Süchtigen zu stehen um ihm einige Tipps zu geben sondern „neben“ ihm als Kampfgenosse im gleichen Boot.
Grundwissen erwerben
Wenn ein Arzt eine Krankheit heilen möchte, muss er über die Krankheit bescheid wissen. Dieser Satz klingt logisch, und gleiches gilt auch für die Begleitung Süchtiger. Um einem Suchtkranken wirklich weiterhelfen zu können, ist es notwendig, einige grundlegende Dinge über die Wirkungsweise von Suchtmitteln, die typischen Verhaltensmuster eines Süchtigen und über die Biographie des Süchtigen bescheid zu wissen.
Richtig hören und sehen lernen[48]
Wenn wir einen Süchtigen begleiten ist es klar, dass er nicht automatisch und bis in alle Einzelheiten über seine Sucht redet, denn dieser Punkt ist ja die große Schwachstelle in seinem Leben, an der er versagt hat. Deshalb ist es wichtig, bei Gesprächen genau hinzuhören, Nebensätze zu beachten, an vermuteten Knackpunkten nachzuhaken und dem Süchtigen das Gefühl zu vermitteln, dass er mit seinem „Schwachpunkt“ ohne Umschweife herausrücken kann. Dies wird der Süchtige nur dann tun, wenn er den Begleiter als Kampfgenossen gegen die Sucht akzeptiert hat.
Dem Süchtigem muss einerseits vermittelt werden, dass er an seiner Sucht arbeiten muss und dass dies ein harter Kampf ist, andererseits ist es für seinen Selbstwert unverzichtbar, dass er Dinge an sich positiv erlebt. Neben dem genauen Hören ist deshalb auch das genaue Sehen für den Begleiter unverzichtbar. Der Begleiter muss sich immer wieder fragen: Welche Stärken hat der Süchtige, was kann er besonders gut, was läuft trotz Sucht gut in seinem Leben? Der Süchtige muss erfahren, dass er etwas kann, dass er fähig ist, dass er wertvoll ist und dass er fähig ist, die Sucht zu besiegen.
Sich nicht zu wichtig nehmen[49]
Wer einen Suchtkranken begleitet darf sich nicht unter Erfolgszwang bringen. Es wird nie nur vom Helfer abhängen, ob ein Süchtiger den Weg in die Freiheit schafft oder nicht. Der Begleiter muss sich darüber im klaren sein, dass er nur einen kleinen Beitrag leisten kann, den größeren und wichtigeren Teil muss der Süchtige selbst leisten. Der Begleiter muss seine Hilfe als eine Art Angebot an den Süchtigen verstehen, „wenn du Hilfe brauchst, um gegen die Sucht zu kämpfen, dann bin ich für dich da,“ aber dieses Angebot beinhaltet auch die Möglichkeit, dass der Süchtige für eine Zeit lang die Hilfe ausschlägt. Diese Spannung auszuhalten, vor allem wenn der Süchtige aus dem engeren Freundeskreis kommt, ist für einen Begleiter nicht einfach.
Eine Perspektive für den Süchtigen sehen[50]
Der Begleiter eines Abhängigen darf nicht die Hoffung verlieren, dass dem Abhängigen geholfen werden kann. Es gibt nicht den hoffnungslosen Fall, bei dem keine Hilfe mehr möglich ist. Sicher wird jeder Begleiter irgendwann an dem Punkt angelangen, an dem er mit seiner Weisheit am Ende ist. Aber er darf damit rechnen, dass ihm Gott in dieser Situation eine neue Perspektive schenkt. In Mk. 9,22-24, bei der Heilung eines besessenen Kindes wird deutlich, wie Jesus den Glauben der Menschen herausfordert: Der Vater sprach: „Hab doch Erbarmen mit uns und hilf uns, wenn du kannst! »Was heißt hier: 'Wenn du kannst'?« sagte Jesus. »Wer Gott vertraut, dem ist alles möglich.« Da rief der Vater: »Ich vertraue ihm ja - und kann es doch nicht! Hilf mir vertrauen!«
Ich bin davon überzeugt, dass dieser Hilferuf eines Menschen bei Gott nicht ungehört bleiben wird.
Eine „therapeutische Kette“ bilden[51]
Einem Suchtkranken muss über mehrere „Kanäle“ geholfen werden. Ein Begleiter muss deshalb die Fähigkeit besitzen, Dinge aus der Hand zu geben, um mit anderen Personen, Organisationen und Institutionen zusammenzuarbeiten.
Er muss sich fragen:
- Wie weit reichen meine Fähigkeiten?
- Wo sind meine Schwächen und Grenzen?
Weiter muss er fragen:
- Welche sachkundigen Personen gibt es?
- Welche Ärzte sind in diesem Fachbereich spezialisiert?
- Welche Einrichtungen und Institutionen kenne ich?
- Mit welchen Selbsthilfegruppen habe ich Kontakt und wie arbeiten sie?
- Wie kann die Familie in eine Therapie miteinbezogen werden?[52]
Dem Begleiter eines Süchtigen sollte folgendes klar sein: „Hilfe für Suchtkranke ist von ihrem Wesen her Teamarbeit.[53]
Zu einem Gruppenanschluss verhelfen[54]
Der Suchtkranke braucht das Wissen, dass er nicht der einzige Mensch ist, der mit einer Sucht zu kämpfen hat. Eine Gruppe[55] ist ein wichtiger Bestandteil der Therapie. Erfahrungen, Ängste, Motivationsschübe werden in einer Gruppe von „Leidensgenossen“ ausgetauscht. In der Gruppe findet man Leute, die das Gleiche hinter sich haben, das Gleiche durchleben und das gleiche Ziel haben. Dem Begleiter sollte es deshalb ein Anliegen sein, den Süchtigen in eine Gruppe zu integrieren. Aber auch die engsten Angehörigen sollten sich solch einer Gruppe anschließen. Sie bekommen Hilfen, wie sich unterstützend helfen können.
Als Begleiter ist es notwendig, zumindest in der Anfangszeit die Aufgabe des „Begleiters“ sprichwörtlich wahrzunehmen. Der Süchtige fühlt sich dann nicht verloren im neuen, fremden Umfeld, sondern hat eine vertraute Person an seiner Seite.
Welche Aufgaben hat die Gemeinde?
Hilfe für Süchtige und Suchtgefährdete, aber auch Suchtprävention sind nicht Aufgabengebiete, die nur den Seelsorger betreffen, der unmittelbar mit gefährdeten Personen zu tun hat, sondern diese Aufgabe betrifft die ganze Gemeinde.
Suchtprävention in der Gemeinde
Christliche Kinder- und Jugendarbeit muss Kinder und Jugendliche „fit für die Welt“ machen.
Ein Aufgabengebiet der Gemeinde besteht deshalb darin, dem Jugendlichen in der allgemeinen Orientierungslosigkeit der Postmoderne[56] Halt, Werte und Orientierung zu vermitteln und vorzuleben.
Der pubertierende Jugendliche muss in der Gemeinde einen Freiraum finden, die Auseinandersetzungen mit sich selbst und mit der Umwelt[57] zu führen. Er braucht Konfliktpartner und eine Gruppe, mit denen er auf gute Weise Konflikte austragen kann, an denen er sich „reiben“ kann. Auf diese Weise wird seine Konfliktfähigkeit gefördert. Er lernt mit Belastungen, Enttäuschungen und Niederlagen umzugehen. Dies wird aber nur in richtiger Weise gelingen, wenn die Mitarbeiter in den Augen des Jugendlichen vertrauenswürdig sind. Auf der ständigen Suche nach dem Neuen[58] braucht der Pubertierende Ansprechpartner, die ihm zur Seite stehen und begleiten. In der Gemeinde muss er Personen finden, denen er sich anvertrauen kann und deren Rat er einholen kann.
Aber nicht nur bei Jugendlichen, auch schon in der Kinderarbeit können Kinder lernen, Belastungen und Konflikte auf richtige Weise zu verarbeiten. Eine Schlüsselrolle hierbei werden immer die Mitarbeiter einnehmen, indem sie die Chance zur Persönlichkeitsprägung ins Blickfeld bekommen und nutzen.
Suchtprävention kann in der Gemeinde durch Information, Aufklärung und Auseinandersetzung mit dem Thema „Sucht“ in der Gruppe geschehen. Z.B. kann man einen Ex-Drogenabhängigen einladen, der aus seinem Leben berichtet.
Gruppenleiter und Mitarbeiter dürfen nicht nur die Gruppe als Gesamtes sehen, sondern müssen den Einzelnen mit seinen Problemen, Sorgen und Ängsten wahrzunehmen und lernen, auf ihn einzugehen.
Die Mitarbeiter müssen sich selbst fragen, welche Rolle in ihrem Leben das Thema „Sucht“ und „Abhängigkeit“ spielt.
Hilfe bei Suchtgefährdung
Eine Gemeinde kann wesentlich dazu beitragen, dass suchtgefährdete Jungendliche Befreiung erleben.
Ein wichtiger Beitrag der Gemeinde besteht darin, ein Klima der Offenheit zu fördern. Jugendliche müssen die Gemeinde als Anlaufstelle erleben, wo ihre Probleme ernst genommen werden. Wenn eines dieser Probleme eine Sucht ist, gilt es, den Betroffenen nicht zu verteufeln und ihn abzuschieben. Ein Mensch der Süchtig ist, ist kein verabscheuungswürdiges perverses Wesen, das sofort aus der heilen Welt der Gemeinde „beseitigt“ werden muss, sondern ein Mensch, der die Hilfe und Unterstützung der Gemeinde braucht.
Suchtgefährdeten Jugendlichen ist nicht geholfen, wenn die Menschen in der Gemeinde die Augen vor einer Suchtproblematik verschließen. Es geht nicht darum, in der Gemeinde eine „heile Welt“ vorzuspielen, die mit der Realität recht wenig zu tun hat. Risiken, Probleme, Gefährdungen müssen in Liebe, aber offen angesprochen werden.
Die Gemeinde darf sich nicht nach außen abkapseln, sondern muss sich öffnen für soziale Brennpunkte vor Ort. Sie muss bereit sein, ihren Wohlfühlbereich zu verlassen und fragen: Was können wir tun?
Weitere Hilfen
Die Gemeinde kann Kontakt zu Einrichtungen aufnehmen, die unter Süchtigen arbeiten. Z.B. zu Teen Challenge, zum Help-Center oder zum Blauen Kreuz. Die Gemeinde kann diese Einrichtungen mit Motivationsarbeit, mit ihrem Geld und ihrem Gebet unterstützen.
Die Gemeinde sollte Leute, die eine seelsorgerliche Gabe haben, mit Gebet, Motivationsarbeit und Anerkennung unterstützen. Leute die seelsorgerlich unter Süchtigen arbeiten, sollten von der Gemeinde zu Schulungen geschickt werden. Kompetente Mitarbeiter sind immer eine Bereicherung für die Gemeinde.
Gefährdetengruppen, Gesprächsgruppen, Blaukreuzgruppen etc. suchen oft Räume, in denen sie sich treffen können. Hier hat die Gemeinde die Möglichkeit, ihre Räume zu Verfügung zu stellen. Der räumlichen Nähe kann durch aus eine innere Verbundenheit und gegenseitige Anteilnahme folgen.
Abschlussbemerkung
Jesus sagt in Mt 11,28: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ Diese Einladung Jesus sollte für seine Gemeinde ein Ansporn sein, sich um die Leute zu kümmern, die ihr Leben nicht ohne Suchtmittel bewältigt bekommen. Zudem sollte die Gemeinde darum bemüht sein, Menschen fähig zu machen, mühselige und beladenen Zeiten durchzustehen, ohne dabei auf „Scheinhilfen“ zurückzugreifen.
Literaturverzeichnis
Bäni, M.: Wild-life – das Praxisbuch. Dillenburg: Christliche Verlagsgesellschaft, 1999.
Bittner, W.: Art.: Postmoderne, Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde, Band 3. Hg. H, Burkhardt und Uwe Swarat. Wuppertal: Brockhaus, 1994
Böker, M.: Unterrichtsunterlagen Ethik. Adelshofen: Theologisches Seminar Adelshofen, 1998.
Brezinka, W.: Erziehung in einer wertunsicheren Gesellschaft. München: E. Reinhardt, 1986.
Faix, T.: Die Wa(h)re Jugend. Neuhausen-Stuttgart: Hänssler, 1997.
Faix, W.: Unterrichtsunterlagen Entwicklungspsychologie. Adelshofen: Theologisches Seminar Adelshofen, 1999.
Faix, W.: Unterrichtsunterlagen Jugendarbeit. Adelshofen: Theologisches Seminar Adelshofen, 1999.
Keller, J. u. F. Novak.: Kleines pädagogisches Wörterbuch. Freiburg: Herder 61993.
Landeskriminalamt Baden-Württemberg (Hg.): Rauschgift, ohne mich. Stuttgart: Landeskriminalamt Baden-Württemberg, 122000.
Printz, M.: Grundlinien einer bibelorientierten Gemeindepädagogik. Wuppertal: Brockhaus 1996.
Rollbühler, F.: Suchtkranken helfen – erste praktische Schritte. Wuppertal: Blaukreuz-Verlag 1983.
Material aus dem Internet
www.bzga.de: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hg.): Ich will mein Kind vor Drogen schützen. Köln: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 1999.
www.bzga.de: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hg.): Suchtmittel, Behandlungsmöglichkeiten, Beratungsstellen. Köln: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 1999.
www.bzga.de: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hg.): Wir können viel dagegen tun, dass Kinder süchtig werden. Köln: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 1999.
www.bundesregierung.de: Caspers-Merk, M.: Drogen- und Suchtbericht 2000 der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Gesundheit, Stand: März 2001.
www.bundesregierung.de: Nickels, C.: Drogen- und Suchtbericht 1999 der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Christa Nickels, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Gesundheit Stand: 9.März 2000.
Weitere Literatur zum Thema „Sucht“
Säkulare Literatur
Zum Thema „Sucht“ gibt es gute Broschüren und gute Literatur. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZGA) hat unter dem Thema „Kinder stark machen – zu stark für Drogen“ eine dreibändige Broschürenreihe veröffentlicht. Diese kann kostenlos bestellt werden oder im Internet unter www.bzga.de heruntergeladen werden.
Von der BZGA habe ich auch die nachfolgenden Literaturvorschläge übernommen. Hier kann man gute Literatur zum Thema „Jugendliche und Sucht“ finden.
Walter Kindermann Drogen Abhängigkeit, Missbrauch, Therapie - Ein Handbuch für Eltern und Erzieher Knaur Verlag, München 1991, 208 S., DM 24,80
Das Buch für Eltern, Erzieher und Lehrer berichtet von Drogenabhängigen und zeigt an vielen Beispielen, wie Abhängigkeit entsteht und wie ihr vorgebeugt werden kann. Der Leser erhält wichtige Informationen und hilfreiche Anstöße, eigenes Erziehungshandeln zu reflektieren und zu verbessern, um Kinder und Jugendliche vor dem Abgleiten in Sucht und Drogenkarriere wirkungsvoll schützen zu können.
Rolf Wille Sucht und Drogen und wie man Kinder davor schützt Verlag C. H. Beck, München 1994, 133 S., DM 14,80
Der Autor macht deutlich, dass unsere Anstrengungen stärker als bisher darauf gerichtet sein müssen, die Entwicklung von Sucht zu verhindern, um Kinder vor gesundheitlichem Verfall und frühem Tod zu schützen. Erfolgreiche Vorsorge muss daher schon im frühen Kindesalter beginnen. Rolf Wille möchte Eltern und Erziehern Mut machen, nicht nur auf staatliche Maßnahmen zu vertrauen, sondern selbst aktiv zu werden.
Thomas Gordon Familienkonferenz Die Lösung von Konflikten zwischen Eltern und Kind Heyne Verlag, München 1989, 365 S., DM 19,90
Zwischenmenschliche Beziehungen müssen zur Zufriedenheit aller geregelt werden - das ist "alles". Das Buch befreit die Eltern von Schuldgefühlen und dem Druck, ihre Kinder ständig "erziehen" zu müssen.
Es wird eine echte Alternative gezeigt: Aus dem Objekt Kind wird der Partner Kind; anstelle meist fruchtloser gegenseitiger Vorhaltungen hat man eine ständige "Familienkonferenz", für die abgegrenzte, demokratische Spielregeln gelten.
Monika Rennert Co-Abhängigkeit Was Sucht für die Familie bedeutet Lambertus-Verlag, Freiburg, 2. Auflage 1990, 216 S., DM 39,50
Menschen, die mit einer suchtkranken Person zusammenleben, werden dabei oft selbst in ihrer Persönlichkeitsentwicklung beeinträchtigt, gekränkt und auch in vielen Fällen krank.
Die Autorin stellt amerikanische Ansätze vor, die sich in den Bereichen der Selbsthilfe, Beratung, Einzel- und Familientherapie bewährt haben. Sie beschreiben, wie sich ihre Sichtweise sowie ihre praktische Arbeit mit Angehörigen von Suchtkranken durch die Auseinandersetzung mit dem Konzept von Co-Abhängigkeit verändert haben.
H. Peter Tossmann Haschisch Lebensprobleme und Drogenabhängigkeit - Ein Ratgeber für Eltern und Jugendliche Beltz-Verlag, Weinheim/Berlin 1993, DM 24,80
Das Buch ist gerade für die Menschen wichtig, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, die ihre mehrdeutigen Signale in Krisensituationen entschlüsseln wollen, die sich einfühlen müssen in Gefährdungs- und Verführungssituationen, um einschätzen zu können, wann eine Entwicklung von altersbedingter und quasi natürlicher Neugier in ernste Bedrohung umschlägt.
Werner Gross Was ist das Süchtige an der Sucht? Neuland Verlag, Geesthacht 1992, DM 29,80
Ein Psychologe und Publizist beschreibt in seinem Buch die Formen der Sucht, ihre Entstehung und Folgen. Er beschäftigt sich sowohl mit den stoffgebundenen Süchten wie Alkoholismus, Medikamenten- und Drogenabhängigkeit, als auch mit stoffungebundenen Süchten wie beispielsweise Essstörungen und Arbeitssucht.
Er schildert in verständlicher Form die Probleme und ihre Auswirkungen und stellt die bestehenden Hilfsangebote vor.
Christliche Literatur
Im Rahmen der christlichen Suchtarbeit möchte ich vor allem auf die Veröffentlichungen des Blaukreuz-Verlags hinweisen. Eine ausführliche Literaturliste kann man im Internet unter www.blaues-kreuz.de finden. Die Veröffentlichungen des Blauen Kreuzes beschäftigen sich überwiegend mit Alkoholismus. Ich habe leider keine Bücher gefunden, die sich speziell mit der Suchtproblematik unter Jugendlichen beschäftigen. Trotzdem kann man auch hier hilfreiche Literatur finden.
Referenzen
- ↑ Vgl. W. Bittner, Postmoderne, in: Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde, Bd.3, 1994, 1588-1589. 1588.
- ↑ Vgl. M. Böker, Unterrichtsunterlagen Ethik, Adelshofen 1998, Punkt 1.1.4.2.
- ↑ Vgl. M. Printz, Grundlinien einer bibelorientierten Gemeindepädagogik, Wuppertal 1996, 3.
- ↑ Vgl. M. Printz, a.a.O., 3.
- ↑ W. Brezinka, Erziehung in einer wertunsicheren Gesellschaft, München 1986, 11.
- ↑ W. Brezinka, a.a.O., 11.
- ↑ Vgl. W. Faix, Unterrichtsunterlagen Jugendarbeit, Adelshofen 1999, Punkt 1.10.
- ↑ Klages zit. bei M. Prinz, a.a.O., 3.
- ↑ Vgl. W. Brezinka, a.a.O., 21.
- ↑ Vgl. M. Printz, a.a.O., 3.
- ↑ W. Faix, a.a.O., Punkt 1.4, Hervorhebung im Original.
- ↑ Vgl. W. Faix, a.a.O., Punkt 1.3/1.4.
- ↑ Speck zit. bei M. Printz, a.a.O., 4.
- ↑ Vgl. M. Printz, a.a.O., 4.
- ↑ R. Lempp zit. bei W. Faix, a.a.O., Punkt 1.3.
- ↑ T. Faix, Die Wa(h)re Jugend, Neuhaussen-Stuttgart 1997, 139.
- ↑ Vgl. W. Brezinka, a.a.O., 21.
- ↑ Vgl. T. Faix, a.a.O., 140.
- ↑ Vgl. W. Brezinka, a.a.O., 21.
- ↑ Vgl. T. Faix, a.a.O., 141.
- ↑ Vgl. M. Printz, a.a.O., 4.
- ↑ Hillmann zit. bei M. Printz, a.a.O., 5.
- ↑ W. Faix, Unterrichtsunterlagen Entwicklungspsychologie, Adelshofen 1999, Punkt 6.2.3.
- ↑ Vgl. M. Prinz, a.a.O., 5.
- ↑ W. Faix, Unterrichtsunterlagen Entwicklungspsychologie, a.a.O., Punkt 6.1.
- ↑ Vgl. M. Bäni, Wild-life – das Praxisbuch, Dillenburg 1999, 17.
- ↑ Vgl. W. Faix, Unterrichtsunterlagen Entwicklungspsychologie, a.a.O., Punkt 6.1.
- ↑ Vgl. M. Bäni, a.a.O., 17.
- ↑ Vgl. ebd., 17.
- ↑ „Sucht“, in: J. Keller / F. Novak, Kleines pädagogisches Wörterbuch, Freiburg 1993, 336.
- ↑ Vgl. Wir können viel dagegen tun, dass Kinder süchtig werden, Köln 1999. und: Ich will mein Kind vor Drogen schützen, Köln 1999.
- ↑ Vgl. Punkt 1 und 2 dieser Arbeit.
- ↑ Vgl. Drogen- und Suchtbericht 1999 der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Stand: 9.März 2000.
- ↑ Vgl. ebd.
- ↑ Vgl. Suchtmittel, Behandlungsmöglichkeiten, Beratungsstellen, Köln 1999.
- ↑ Vgl. Wir können viel dagegen tun, dass Kinder süchtig werden, a.a.O.
- ↑ Vgl. ebd.
- ↑ Vgl. Wir können viel dagegen tun, dass Kinder süchtig werden, a.a.O.
- ↑ Vgl. „Sucht“, in: J. Keller / F. Novak, Kleines pädagogisches Wörterbuch, a.a.O., 336.
- ↑ Vgl. Suchtmittel, Behandlungsmöglichkeiten, Beratungsstellen, a.a.O.
- ↑ Vgl. Rauschgift, ohne mich, Stuttgart 2000, 28-39.
- ↑ Noch nach längerer Zeit nach dem letzten Konsum kann plötzlich ein flash-back (wiederkehrender Rausch) auftreten. Da er ohne Vorankündigung auftritt kann es zu gefährlichen Situationen kommen.
- ↑ Vgl. Drogen- und Suchtbericht 2000 der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Stand: März 2001.
- ↑ Vgl. Wir können viel dagegen tun, dass Kinder süchtig werden, a.a.O.
- ↑ Vgl. F. Rollbühler, Suchtkranken helfen – erste praktische Schritte, Wuppertal 1983, 3.
- ↑ Vgl. ebd., 4-6.
- ↑ Ebd., 4.
- ↑ Vgl. ebd., 8-10.
- ↑ Vgl. ebd., 10-13.
- ↑ Vgl. ebd., 13-15.
- ↑ Vgl. ebd., 15-17.
- ↑ Vgl. Joh. Schwab: Spannungsfeld Familie – jeder ist gefragt.
- ↑ Suchtkranken helfen – erste praktische Schritte, a.a.O., 17.
- ↑ Vgl. ebd., 17-18.
- ↑ Selbsthilfegruppe, Gesprächsgruppen, Blau-Kreuz-Gruppen etc.
- ↑ Vgl. Punkt 2 dieser Arbeit.
- ↑ Vgl. Punkt 3 dieser Arbeit.
- ↑ Vgl. ebd.
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