Thesen zum Thema Geistesgaben / Charismen
Aus LZA - Materialhilfen
von Br. Dr. Oskar Föller
- Im Zentrum des Glaubens steht der Herr selbst, nicht die Gaben. Wesentlich ist die Gemeinschaft mit ihm, die Verwurzelung in ihm, im Glauben an seine Erlösungsmacht. Diese Grundgegebenheit schließt sowohl eine Überschätzung als auch eine Missachtung der Gaben aus.
- Die *charismata sind partiale Konkretionen der einen allumfassenden *charis Gottes, aus der sie entspringen. Sie sind unverdientes Geschenk und nicht Lohn oder Frucht menschlicher Leistungen. Dieser Geschenkcharakter gilt grundlegend und bleibend - unbenommen der Aufforderung, nach Gaben zu streben (1. Kor 12,31).
- Voraussetzung für den Empfang einer Geistesgabe ist die Gotteskindschaft, die Wiedergeburt aus Wasser und Geist, das empfangene "Charisma des ewigen Lebens" (Röm 6,23).
- Charismen sind weder besondere Auszeichnungen oder Belohnung für Wohlverhalten noch Zeichen höherer Geistlichkeit (Heiligung ist ) noch zur Dekoration ihrer Träger gegeben, sondern als Werkzeuge zum Dienst. Charismen sind nicht eigentlich ihren Trägern, sondern der Gemeinde gegeben. Sie gehören zum Angriff der Gnade Gottes auf die Welt und sind Zeichen der hereinbrechenden Gottesherrschaft.
- Es gibt keine hinreichenden Gründe, die charismatischen Wirkungen des Heiligen Geistes auf die ersten beiden Jahrhunderte der Geschichte der Christenheit zu beschränken. Gott kann auch heute Gnadengaben in großer Vielfalt schenken. Gaben zum Dienst dürfen erbeten werden (vgl. 1. Kor 14,1; Lk 11,13; Apg 1,4.14), wollen gepflegt sein und sind u.U. neu zu entfachen (vgl. 2. Tim 4,6).
- Gibt es keine hinreichenden Gründe für eine zeitliche Befristung der Gaben, so auch nicht für eine zahlenmäßige oder inhaltliche Einschränkung der Gaben z.B. auf 1. Kor 12,8-10 (als ob nur die wunderhaften Vorgänge wirkliche Gaben des Geistes wären). - Die Charismenlisten (1. Kor 12,8-10.28; Röm 12,6-8) sind nicht im Sinn der Vollständigkeit gemeint. Über sie hinaus kann es noch mehr Charismen geben, weitere Begabungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten zu verschiedenen Zeiten.
- Es widerspricht dem Wesen der Charismen als Gnaden-gaben, wenn einzelne Gaben oder ein bestimmter Katalog zur Pflicht und damit zum Gesetz gemacht werden.Vom breiteren Spektrum des Neuen Testaments her können z. B. an eine Erhebung Korinths zur Normgemeinde aller Zeiten und speziell an die enthusiastischen Erscheinungen, den Umgang damit, und an die Lebensführung auch starke kritische Rückfragen gestellt werden.
- Im Blick auf menschliche Versuche der Schematisierung und programmatischen Forcierung von Geisteswirkungen ist daran zu erinnern: der Heilige Geist teilt die Gaben aus "wie er will" (1. Kor 12,11). Charismen lassen sich nicht erpressen. Gebet, das Gott zum Handeln zwingen möchte, verletzt die Souveränität des Herrn und die Freiheit des Geistes. Geistesgaben dürfen nicht aus selbstsüchtigen Motiven erstrebt werden. Die Verheißung des Empfangens gilt Menschen, die ihren Willen, ihre Ziele und Wünsche dem Willen Gottes und der Ausbreitung seiner Herrschaft unterstellen.
- Zurückzuweisen ist eine prinzipielle Gleichsetzung der Charismen mit außerordentlichen, enthusiastischen oder massiv ekstatischen Phänomenen. Die Kraft des Geistes kann sich zwar auch darin zeigen, aber einer Fixierung darauf bzw. eine Überhöhung und damit einhergehend eine Abwertung von nicht wunderhaft ins Auge fallenden Fähigkeiten im Dienst an Kirche und Welt widerspricht Paulus. - Die Charismen legitimiert "nicht das fascinosum des Übernatürlichen, sondern die Erbauung der Gemeinde" (E. Käsemann). Dementsprechend ist auch eine vorrangige Befassung mit extraordinären Phänomenen und besonders der Versuch, solche methodisch-macherisch herbeizuführen, zu kritisieren.
- Unzulässig ist biblisch-theologisch eine Einteilung von Christen in "Charismatiker" und "Nicht-Charismatiker". - Niemand kann Christ sein ohne den Heiligen Geist und es gibt keine Gliedschaft am Leib Christi ohne Aufgabe und damit auch Gabe / Charisma.
- Die Gegenwart des Heiligen Geistes bleibt nicht ohne Wirkungen und Zeichen. Es ist jedoch ein Irrtum, zu meinen, eine ganz bestimmte Gabe (etwa das Zungenreden) sei nötig als Erweis des Geistempfangs und müsse sich bei jedem wahrhaft Geistbegabten finden. - Maßgebend sind die Bewertungen und die Anweisungen der Schrift selbst. Die biblische Lehre hat Vorrang vor der Erfahrung.
- Sattheit und Lauheit sind Hindernisse für tiefere Segnung und Begabung. Vermehrten Segen und Gaben empfängt, wer für das bereits Empfangene dankt und es treu einsetzt. Das Werk des Heiligen Geistes auch in seinen Gaben ist unverzichtbar.
- Geistesgaben müssen geprüft werden. Sie sind gefährdet durch das Fleisch und können auch durch böse Mächte nachgeahmt werden. Trotz redlichen Bemühens ist die Möglichkeit des Irrtums und der Fehlbarkeit nicht auszuschließen.
Literaturhinweis
- Oskar Föller: Charisma und Unterscheidung. Systematische und pastorale Aspekte der Einordnung und Beurteilung enthusiastisch-charismatischer Frömmigkeit im katholischen und evangelischen Bereich, Wuppertal / Zürich 19973; ders.: Pietismus und Enthusiasmus. Streit unter Verwandten, Wuppertal 1998
- Siefried Großmann (Hg.): Handbuch Heiliger Geist, Wuppertal 1999;
- Reinhard Hempelmann: Licht und Schatten des Erweckungschristentums. Ausprägungen und Herausforderungen pfingstlich-charismatischer Frömmigkeit, Stuttgart 1998
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